Freitag im Zug

Icg sitze im Zug und lese. Solschenizyn, um genau zu sein. Spannend und schön.
Mir ist icht klar, warum ich hinter mir plötzlich die Männerstimme wahrnehme. Sie sind irgendwo auf meiner Strecke zu Arbeit eingestiegen, das Pärchen hinter mir.
Er: „Bist Du schon mal vergewaltigt worden?“
Sie: „Nein.“
Er: „Nein??“
Sie: „Nee!“
Er : „Mit so Typen, die Frauen vergewaltigen, da sollte man….“
Und es folgt eine lange Reihe bösartiger Bestrafungen, die doch passieren sollten und ich würde mich am liebsten geschwind neben ihn setzen, um ihm zu sagen:
„Schätzelchen, diese Anmache ist mega-scheisse, so kriegst Du die nicht rum.“
Als wir ankommen, bin ich froh, das ich es nicht gemacht habe.
Da bin ich hinter dem Pärchen aus dem Zug. Manche kriegt man doch wohl so…

Lutz

Nachdem Elke nun wirklich nicht wieder gekommen ist und Lucy, ein echt blöder Name für eine Katze und wir nennen sie eigentlich nur Lutzi, nicht wirklich den Platz „Arschloch“ ausfüllen kann, suchten wir ja nun.
C. wollte eine blaue Katze. Wegen mir….Weiß war raus, wegen taub.
Soweit so gut. Und ein Kitten bitte. Wegen mir auch das. ICH weiß, was kommt und das macht echt tolereant. Er legte mir Anzeigen und Telefonnummern auf den Tisch und wollte nach Polle, etwa eineinhalb Stunden von hier.
Es sollte eine BKH werden. Wegen mir….
C. sagte fast erbost: „Wenn ich schon keinen BMW als Status-Symbol fahren kann, dann will ich wenigstens eine Rasse-Katze zum Angeben im Fenster!“
Na wegen mir, von nner Katze haben alle was, von nem BMW nicht wirklich.
Also sind wir nach Polle gefahren.
Als wir ankamen, hielten wir vor Häusern, die ich anguckte….gesprungene Scheiben, ein zerstörter Rolladen, kaputte Pallisaden, Gammel, allerdings die Nachbarhäuser auch.
„Wenn Dir eine gefällt, dann rette die von hier!“  sagte ich zu C.
Dasselbe habe er auch gerade gedacht, erklärte C..
Wir also rein. Die Dame des Hauses wischte noch.
Und es roch akkerat nach Katzenpisse. Kann ich ja nicht so drauf. Katzen ja, Katzenpisseduft nein
Nun ja. Die ehemalige Diele des alten Bauernhauses war mit Fliesen ausgelegt. Wie Wohnzimmer und Küche auch. Wäre eine nette Idee gewesen, wenn nicht in jedem Raum der Bereich vor der Eingangstür fliesenfrei gewesen wäre.
Im Wohnzimmer waren die Katzen. Das Katerchen, das C. wollte, hatte sich hinter dem Ofen versteckt.  Gott sei Dank holte die Dame des Hauses den Kater, also den Vater, und C. wollte dann keinen Kater mehr. BKH-Kater sehen irgendwie ein bischen doof aus mit der eingedrückten Nase und den dicken Backen. Er wollte eine Katze und keinen blauen Dackel-Verschnitt.
Und sie maunzte während der Fahrt im Katzenkorb, auf den die Verkäuferin mit der Katzenpipi-Bude bestanden hatte. Ich habe sie dann raus genommen und sie hat auf meinem Schoß geschlafen. Den stinkenden Schmadder aus dem Fell habe ich während dessen rausgestreichelt.
Lutz kam dann hier an und hat sich gleich erstmal den Bauch vollgeschlagen. Lutz kriegt ab morgen auch noch mal ein paar Wochen Katzenmilch. So ein Mickerchen, wie Lutz ist. Die Hälfte von seinen Geschwistern. Die Ernährungstipps der Dame habe ich geflissentlich überhört.
Und Lutz erkundet gern ihr Revier. Und schon gleich abends, als C. sich hingelegt hat, hat sie sich einen guten Kuschelplatz gesucht:
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Heute morgen wurde ich dann von Minimi geweckt; Lutz hatte mal eben schnell die Gardine vom Fenster entfernt. Es geht lohos! Es geht lohos!
Lutzi jedoch hat Angst vor Lutz. Sie kennt sowas offensichtlich nicht. Sie knurrt noch, wenn sie Lutz in der Küche begegnet.
Lass Lutz man erstmal größer und so, dann wird das schon.

Omma

Als ich vor Jahren noch anders gelebt habe, war es ganz einfach. Wenn ein Jugendlicher voll aus der Bahn lief, dann hat man ihn gepackt und für sechs Wochen zu einem der Kumpels des Vaters gefahren nach ganz weit weg. Der Jugendliche wußte aber gar nicht, das es nur für sechs Wochen war.
Der Vorteil war, das die Kumpels in ganz weit weg immer ein bischen fremd waren und wenn die dann morgens in ein Zimmer rein sind, weil der Besucher mal wieder nicht aufstehen wollte, dann war das immer wesentlich eindrucksvoller als zuhause.
KIar durften die Kids wieder nach Hause und zwar, wenn sie gebettelt haben. Die wurden nicht gehauen, angebrüllt oder mishandelt. Das Fremde macht das von ganz allein.

Jedenfalls habe ich, nachdem A. nun nicht mehr mit auf Klassenfahrt durfte, ihn bei unser Omma untergebracht. Omma kriegt Essengeld, A. hat seine Klamotten mit und ist nun die zweite Woche da. Er schläft viel und liest noch mehr, weil ist ja keiner da.
Und die Klassenkonferenz wegen seines „Die ist wohl ein Nazi?“, das er über die Lehrerin sagte, war gestern und natürlich macht die Schule  mal wieder nicht mit, will heißen, die Absprache mit dem „Er wird suspendiert.“ ist mal wieder nicht eingetreten, die Pädagogen wissen es wieder besser. C. war bei dieser Klassenkonferenz und schrieb mir eine Sms. „Diese Weiber spinnen.“. Als ich anrief sprach er, ER, das muss man sich mal vorstellen, von der kleine Blöden und hatte noch andere Worte , nicht für die Ladies hier zuhause. „Die wollen einfach nichts hören!“  Wenn die Klasse ja schreie, wenn er nicht auf Klassenfahrt mirfahre, dann redet seine Klassenlehrerin wohl immer noch davon, er sei gut integriert.

Jedenfalls kam A. jetzt auf die Idee, er würde gern wieder Fußball spielen. Er spielt in einem Verein und hat das für Kumpel R. arg vernachlässigt, um Scheiben einzuschmeissen, Bekleidung mit Lack einzuschmieren und V-Plus zu trinken. A. ist 13. Ich reagiere da doch ein bischen mit Schnappatmung.

Und nun zickt unser Omma mit mir. Ich sage ihr: Keine Schule == Kein Fußball! Es ist ja nun nicht so, das A. an dieser Situation unbeteiligt wäre.
Omma nennt sein Leben bei ihr gerade „goldener Käfig“. Ich streite also mit ihr. Aber sie versteht es nicht. Es muss weh tun. Er fängt an, zu vermissen,  und das Gefühl muss noch viel mehr werden. Das muss richtig weh tun. Er lebt jetzt mit drei Fernsehprogrammen ohne zdf, was die Fußball-Geschichte im Moment etwas naja macht. Omma hat kein Internet und da sie mit lauter Heilpraktikern und alten Leuten im Haus lebt, gibts auch kein Wlan, Omma selbst braucht kein Internet.
Omma nötigt ihn der Gesundheit wegen frische Kräuter zu essen.
„Guck mal, die Blume da! Kannst ruhig eine pflücken!“
A. hat die dann wohl geflückt.
„Die kannst du essen.“
„Ich mag nicht.“
„Jetzt hast du die schon gepflückt….“
Ich kenn doch unser Omma…..

Gruselig

Ich gehe nicht gern nachts allein. Aber seit der Hüfte, da hab ich beschlossen, ich brauche Bewegung. Viel Bewegung. Und deshalb die zwanzig Minuten zum Bahnhof und vom Bahnhof.
Und ich biege in meine Straße und wechsele die Straßenseite, weil der Bürgersteig aufhört und schrecke hoch, weil mich ein gleißends weißes Licht fast trifft. Ich gucke nach links, wo das Licht herkommt und sehe, wie in der ersten Etage im Hausflur eine Taschenlampe leuchtet und frage mich, warum die jemand am Kopf trägt in seinem Haus. Ich frage mich, warum im ganzen Haus kein Licht ist, außer dieser komischen silbernen Lampe am Kopf.
Die Sicherungen denk, als ich ein komisches Geräusch höre. Wie wenn jemand Geschirr stapelt in einer wahnsinnigen Menge und ich frage mich, seit wann da oben im ersten Stock so bescheuerte Rollos angebracht sind, die ich an dieser Glasfront über Tag noch nicht gesehen habe. Und ich bleibe stehen, weil ich mich frage, warum jemand nachts um halb zwölf zum Schein einer Lampe am Kopf Geschirr schippt in seinem Flur und stelle fest, das die Haustür aufsteht. Und denke, das vllt eine riesige mega-große Scheibe kaputt gegangen ist, aber ich kann nicht verstehen, warum man dann nachts um halb zwölf sowas mit Licht aus wegmacht. Da sieht man doch gar nicht alles! Aber ich denke an M., dem bald der Strom abgestellt wird, und habe Angst, das mich die Geschirrschipper entdecken, obwohl ich mich frage, ob ich mal laut fragen soll, ob alles in Ordnung ist.
Ich bin dann mal lieber nach Haus. Ich glaube, nachts zu laufen, zwischen Leuten, die Taschenlampen auf ihrem Kopp tragen und Geschirr schippen im Dunkeln in ihrer Hütte, das doch nicht so gut.
Und vor allem, warum lässt man dabei die Haustür auf??