Scheiß bleibt Scheiß, auch wenn man Konfetti drauf schüttet. (frei nach Perle aus dem Pott)

Recht hat sie.

„Bleib stark, Safa!“ sagte meine Tante Gabi, als sie und mein Onkel meine Mutter im Krankenhaus besuchten. Einmal.

Bleib stark. Ja, was denn sonst?

Und ich sitze seit Tagen hier und kann mit der Situation nichts, aber auch wirklich nichts anfangen.

Ich habe gegoogelt und bloß einen Betrag zur Sterbebegleitung gefunden. Einen, zumindest, also einen, mit dem ich was anfangen konnte.

Wie unterstützt man denn jemanden, der stirbt?  Langsam vor sich, also nix mit Stecker raus und Licht aus.

Bleib stark. – Ehrliche Antwort?

Fick Dich!

Die Situation ist völlig neu für mich, ich komme mir vor, als wäre ich in einem Urwald ausgesetzt worden, es ist dunkel, ich habe meine Brille verloren, habe eine Nagelschere dabei und soll den Weg finden. Und Du, meine liebe Tante, arbeitest in einem Altenheim und sagst mir nix außer „Bleib stark.“?

Ich gestehe, am ersten Abend, als ich auf den Befund im Krankenhaus wartete, da war mir nach einem Schnaps. Nicht etwa, weil ich ihn mag, sondern weil…mir war da nach. Das ist so eine anerzogene Situation. Erstmal nen Schnaps.

Ich trinke nicht, nehme keine Drogen, auch keine bewußtseinsverändernden Präparate der Schulmedizin, denn wenn etwas Scheiße ist, dann bleibt es Scheiße, egal, was ich mir einwerfe. Also habe ich nicht getrunken und auch nicht das wohlwollende Angebot der Schwester in der Notaufnahme, ich solle nur sagen, wenn ich was brauche, man habe da,  genutzt. Ja, ich hab geheult. Ich heule viel. Wenn ich wütend bin, zum Beispiel, traurig oder aber richtig geschockt. Und wenn ich heule, dann macht das immer allen Angst. Und wenn ich geschockt bin, also nach Auto-Unfällen, Meldungen über Einlieferungen ins Krankenhaus meiner Liebsten, dann muss ich mich bewegen. Mag seltsam anmuten, wenn dann heulend ein-Meter-achtundsiebzig Kreise auf Fluren dreht. Aber es macht mir den Kopp frei und ich kann Informationen aufnehmen.

Laufen muss ich übrigens auch, wenn mir was weh tut. Nach meinem Sturz auf den Kopp im Krankenhaus zum Beispiel. Hat auch wieder die Schwestern verwirrt.

„Alles in Ordnung?“

„Jupp. Nur Aua.“  Wahrscheinlich robbe ich, wenn das Knie gemacht wird, aber wir werden sehen.

Aber zurück zu dem Bericht, den ich gefunden habe. Einen, in dem ich nicht aufgefordert wurde, irgendeinen Kurs zu machen und so und so viel Gebühren zu bezahlen.

Von drei Phasen war die Rede.

Verleugnen, Wut und Zorn und am Ende Akzeptanz.

Die Familie solle zusammen halten und jeder solle bei der Bewältigung dieser Phasen dem Sterbenden wohlwollend zu Seite stehen.

Seit dem weiß ich, dass ich doch einen Zweitnamen habe.

Jeder.

Manchmal habe ich schon vor der Leukämie gesagt, ich sollte mir vielleicht so eine alterstypische Sache zu legen. So einen Schrank voll mit Medikamenten. Hormone, irgendwas für den Magen, irgendwas zum Schlafen ( Wenn ich nicht schlafe, bleib ich halt auf. Irgendwann haut es mich schon um.), und irgendwas zum Aufwachen. Zum Kaffee morgens, den ich dann aber vielleicht lieber in entkoffeiniert trinke. Oder Rotwein. Da ist ja nix bei, wenn man jeden Abend eine, eher zwei oder drei Flaschen davon leert. Zwischendrin gehe ich dann mal in eine Psychiatrie und mache noch mal eben eine Kur und eine Reha. Und zack, ist das Jahr um. Gelöst ist trotzdem nix. Ich denke immer, ich würde dann ernster genommen.

Aber: Es ist mir zu anstrengend. Ehrlich. Das Rumgesitze bei Ärzten. Bunte Pillenpackungen in sanften Gelb mit Lila-Schmetterling drauf…Hat mir wirklich mal eine Ärztin verschrieben. War irgendwas Anti-Depressives, nachdem ich tatsächlich über eine Woche nur noch eine Stunde Schlaf fand. Hab ich nicht genommen. Fand sie nicht so doll. Dafür blieb ich zuhause und sortierte mein Leben neu. Also, es ist anstrengend, dieses da Rumgesitze. Ja, es ist schon lustig, wenn ich mich zwar nicht in meiner Nachbarschaft auskenne, aber dafür voll informiert bin über die, in der die beiden Frauen gegenüber im Wartezimmer wohnen…Also nö.

Omma befindet sich in der Phase „Leugnen“ in ihrem Prozess. Ich bin schon eher bei Wut und Zorn.

Omma war gestern wieder zum Blutbild und das war schlecht. Vorgestern blutete sie schon wieder im Mund. Habe ich gesehen, als sie mich angelächelt hat. Und gestern nun bekam sie wieder zweimal Thromobozyten.

Ja, habe ich gelesen. Das macht man bei dieser Krankheit so lange, bis der Patient keine Lust mehr hat. Die Dinger sind eh übermorgen wieder weg. Das ist wie Wasser in ein Sieb schütten. Wir auch irgendwie nicht voll.

Das Schlimme an der Geschichte ist das Leugnen. Meine Mutter, die jeden Sonntag Gottesdienst mit nimmt, auch wenn sie immer wirkt, wie wenn sie den Kinderglauben nicht verlassen hat. Komm‘ , Herr Jesu‘, sei unser Gast und segne, was Du uns bescheret hast. Jeden Mittag durfte ich das Sätzlein sagen als Kind. Mein Nachtgebet habe ich aber im Laufe der Jahre vergessen. Gott und ich, das war eh nie so. Der konnte mich noch nie leiden, das jedenfalls wußte ich schon als Kind. Immerhin habe ich nächtelang in meinem Bett gelegen und ihn angefleht, er möge machen, dass ich aufhöre zu atmen und nicht mehr da bin. Und als er mich wirklich nicht erhörte und ich habe das lange gebetet, habe ich es mit Luft anhalten probiert. Das war so etwa in der zweiten Klasse der Grundschule. Und wenn man dann morgens wieder aufwacht, fühlt man sich wie ein echter Versager, ich sag’s euch.

Nunja. Egal. Omma hat Angst und leugnet. Sie erklärt mir allen Ernstes, dass die CLL ja erst jetzt festgestellt worden sei, was nun tatsächlich nicht stimmt, denn die wurde schon 2013 festgestellt. Aber da war sich Omma sicher: Keine Behandlung, ich bin alt.

Aha.

Und das Bluten im Mund kommt von der Chemo.

„Mama, die Chemo ist schon zehn Tage her.“

„Doch, das kommt von der Chemo, ich habe mit anderen Mitpatienten gesprochen. Außerdem habe ich aus der Nase und den Ohren geblutet.“

Ich weiß, dass sie durchaus auch aus den Augen bluten kann, eigentlich überall raus, bei dieser CLL.

Ich frage mich, ob sie überhaupt noch alleine zuhause bleiben kann. Warum der soziale Dienst nicht eingeschaltet ist.  Meine Vermutung ist, dass sie wieder überall gesagt hat:

„Das macht meine Familie.“ Und dabei hat sie verschwiegen, dass sie nur ein Stück Familie hat, das tatsächlich macht.

Aber wie trage ich sie über das Leugnen?

Wie bringe ich sie durch die Phase der Wut und des Zorns?

Wie halte ich sie, wenn die Akzeptanz kommt?

Was wird das für eine Quälerei werden, wenn die nicht kommt.

Und was finde ich dazu? Nix. Machen Sie einen Kurs. Aha.

Und was finde ich dazu im Netz? Nichts wirklich.

Mal ein Arzt, der das Maul aufmacht, bitte. Der klare Worte findet und nicht rumdruckst und rumdruckst mit vielleicht, ggf ., evtl.. Alle von denen haben schon Onkologie-Erfahrung, aber wenn ich fragen komme, dann…jaaaaaa, kann ich nicht sagen,  daß weiß man nicht….Welche Unterstützung braucht Omma außer Wäsche, Mittagessen und Flurwoche? Kann sie wirklich in diesem Stadium der Krankheit noch alleine zuhause sein?

Aus lauter Verzweiflung habe ich schon die Telefonseelsorge angerufen. Die haben klar auch keine Antworten. Und am Ende der Satz „Passen Sie gut auf sich auf!“ .

Den habe ich vor Jahrzehnten immer am Ende meiner Bügelaktionen im Fernsehen gehört. Da gab es diese Sendung mit dem Pfarrer, der auch immer sagte: „Passen Sie gut auf sich auf.“ Rausgeflogen ist der, nachdem er Menschen, die arbeitslos geworden waren und darunter litten, den Rat mit gab „Wenn Sie keine Arbeit haben, dann schaffen Sie sich welche.“. Also Rausgeflogen bei mir.

Passen Sie gut auf sich auf.

Ein wohlwollender Rat, sicherlich auch wichtig und vor allem oft ganz liebevoll.  Ich mach das schon. Ich fall ‚ nicht um und halte es mit dem Drögeschen Prinzip.

Dr. Dröge war Zahnarzt und Naturheilkundler in Seesen und der sagte mir, daß man eh immer nur das Päckchen zu tragen bekommt, das man auch tragen kann. Also werde ich das schon wuppen, irgendwie. Aber es wäre ein schön, wenn jemand in diesem Urwald mal das Licht an macht, mir meine Brille wieder gibt und mir den Weg weist.  Das wäre echt klasse.

 

 

 

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Keine gute Zeit.

Keine gute Zeit.

Am 30. Oktober wäre unser Omma fast gestorben. Sie kam als Notfall ins Krankenhaus. Und wurde mit Blut und Thrombozyten infusioniert, infundiert oder wie auch immer man das Blutkonserven kriegen nennt.

Keine gute Zeit.

Am 31. Oktober teilte mir der Vater meiner Enkelchen/Pflegetöchter mit, dass ich ihn um zehn aus der Liebenburger Psychiatrie holen und um zwei zurück bringen könne. Er wolle Omma sehen.

Ich holte ihn und erkannte ihn nicht wieder. Nein, ich habe nicht zugehört, warum er jetzt wieder dort war und wieso er die Jacke meines jüngeren Sohnes an hatte, die ich dem doch erst eine Woche zuvor gekauft hatte.

„Gib sie ihm zurück und zwar flott.“

Wir fuhren bei der Bank rum und ich holte Geld für Kuchen. Wir wollten mit Omma Kaffee und so im Krankenhaus und wollten ihre Katze reinschmuggeln.

Der junge Vater stellte fest, dass sein Konto leer geräumt war und damit nahm das nächste Drama seinen Lauf. Er hatte im Suff seine Bankkarte und seinen pin an seinen Bruder mit den Worten “ Kannste haben, heb alles ab. Ich brauche es eh nicht mehr!“ gegeben.

Keine gute Zeit, denn er kam abends, klingelt und prügelte sich mit dem Sohn, den er die Karte und den Pin gegeben hatte, in meinem Hausflur.

Eine Dose Pfefferspray und fünf Polizisten sorgten für Ruhe.

Keine gute Zeit.

Omma bekommt Chemo und Thrombozyten und arbeitet bei Regen im Garten.

Der 75. Geburtstag fand im Krankenhaus statt. Aus der Küche bekam sie einen Butterkeks zum Frühstück. Aber immerhin hat ihr der behandelnde Arzt gratuliert.

Mein Geburtstag ein paar Tage vorher fand auch im Krankenhaus statt, wenig zuhause und auf der Arbeit. Im Krankenhaus deshalb, weil ich gut zweieinhalb Stunden auf die Visite wartete, um genau zu erfahren, was da nun passiert.

Omma hat CLL und ist mit der Blastenkrise eingeliefert worden. Sie ist 75 Jahre und macht nun ein halbes Jahr Chemo.

Sie erklärte mir, sie werde eine Pflegestufe beantragen und ich solle sie pflegen. Das Geld bekäme ich.

„Nein.“

„Mama, ich kann für dich einkaufen, die Wäsche machen, die Flurwoche und wegen mir die Wohnung putzen, aber mehr ist nicht drin.“

Ich müsste sonst meine eigene Familie verlassen und das will ich nicht.

„Kann jemand von Euch mit einkaufen fahren?“

„Nein, Mama. Wir haben darüber gesprochen. Mach eine Liste, wir bringen das mit.“

Nächster Tag dasselbe Gespräch wieder und wieder und wieder…

Keine gute Zeit.

Am 20. November wird mein Knie aufgemacht. Es ist eher wahrscheinlich, dass ich nicht mehr als Cleanschlampe arbeiten kann. Ich weiß gar nicht, was ich sonst machen soll….

Keine gute Zeit.

 

Update

Der Oktober war nicht meins. Nicht unsers.

Ohne zu übertreiben kann ich erklären:

Ich bin auf den Kopf gefallen.

Tatsächlich, wirklich und wahrlich.

Hatte ich doch einen Hundepsychiologin beschäftigt, die mir eindringlich erklärt hatte, ich müsse Olaf nehmen wir er ist. Und zu den Grundprinzipien gehörte auch, dass, so Olaf auf mein Rufen nicht zu mir kam, aber wenigstens den Kopf zu mir bewegte, dass dann sein Weiterlaufen allein in freier Wildbahn eben in jenem Moment die Belohnung sei…

Da Olaf immer an der Leine zerrte und mir jeden  Spaziergang versaute,  er auf Geräusche reagierte, zur Seite aus zu weichen suchte, aus diesem Grund kaufte ich eine Flexi-Leine.

Und das wurde mir zum Verhängnis. Er funktionierte ganz gut und Spaziergänge machten wieder Spaß. Die Gier, mit dem Hund einfach wieder draußen zu sein, bei Regen, Sonnenschein und wildem Wetter….ich sah mich am Ziel.

Bis Mittags am 5. Oktober. Da sprang aus einem Garten dem Olaf direkt vor die Nase und sein Vier-Rad-Antrieb setzte sofort ein, die Leine spannte und als ich auf dem Teer auf meinem rechten Arm liegend den Zustand zur Kenntnis nahm, da stellte ich fest:

„Du kriegst nicht richtig Luft. Scheiße.“ Und dann dachte ich an den Hund, der mit der Flexi am Halsband irgendwo herum lief….ich kam nicht so schnell hoch, aber ich hatte langsam wieder Luft und rief nach Hilfe.

Beim Aufrappeln waren sie da, die Bauarbeiter, die auch den Hund einfingen.

Ergebnis: Ein Tag im Kranknhaus, zwei  Zentimeter Platzwunde an der Stirn, eine eklig dicke Hand, die auch jetzt noch Theater macht, auch wenn  sie nicht mehr dick ist. Alles so gezerrt und geprellt, dass ich eine Woche nicht mal ohne Schmerzen Schlucken konnte, aber nichts gebrochen. Immerhin, oder?

Donnerstag die Woche drauf, ich war krank geschrieben, aßen die kleinen Mädchen des hiesigen Hauses zu abend. Lachten und freuten sich, kasperten. Ich ging in die Küche und es tat einen Schlag.

„Blöde Katze!“ dachte ich. „Das dumme Tier hat wieder was runter gerissen! Aber ich räume das später auf!“

Es war nicht die Katze, es war Selma. Sie hatte gekippelt und war nach hinten übergekippt und hatte mit dem Kopf die Heizung getroffen. Zwei Zentimeter Loch im Kopp. Ab zum Nähen ins Krankenhaus.

Donnerstag. Mist -Tag. An einem Donnerstag war meine Kollegin mit einem entzündeten Blinddarm im selben Krankenhaus operiert worden, am Donnerstag ich geklebt und geröngt,  und Omma hatte just an diesem Tag ihr Auto auf der Tankstelle kaputt gefahren, am Donnerstag drauf Selma….Freunde, wehe! WEHE!

Der nächste Donnerstag verlief ruhig. Der darauffolgende auch.

So schön geschrieben und so schön wahr…

Ich stehe vor dem Kleiderschrank. Wir, also mein Mann, Kind und ich, wollen Essen gehen. Nicht unbedingt ein feines Restaurant. Einfach nur zum Chinesen und zum dortigen Mittagsbuffet. Trotzdem hab ich frisch geduscht, Zähne noch mal geputzt, Parfüm aufgelegt, Deo unter die Achseln gesprüht und mein Gesicht hübsch bemalt. Das mache ich immer, wenn ich […]

über Passt also nicht! — MitmachBlog

Das Gesundheitssystem und ich

Nun bin ich ein halbes Jahrhundert, wie meine Töchter und meine Kollegin mich nennen. Aber bald bin ich das nicht mehr, bald bin ich ein halbes Jahrhundert +.

Also. Wenn man so alt ist, wie ich, dann geht man nicht mehr gleich zum Arzt. Die Zupper-  und Zipperlein, was richtig kaputt ist, weiß man durch vorher gehende Arztbesuche und das Meiste geht ja eh wieder weg, da braucht man sein bischen Lebenszeit nicht in einem Wartezimmer zu verbringen mit alten Zeitungen und vielen alten Leuten ab 50++ und vielen Zupper- und Zipperlein. In meinem Alter hat man eine Hausapotheke und eine Stammapotheke. Die Hausapotheke ist eingerichtet auf alles, was schmerzt und zuppt und zippt, kann Fieber in allen Alterklassen behandeln, Husten und Schnodder und mit kleinen und großen Tricks aus Ommas Trickskiste ist vieles im Anfang schon aufzuhalten mit Homöopathie und Phytotherapie.

Nunja, und dann traf mich ein Fall von „Geht nicht weg – vielleicht doch mal Arzt.“, der sich dann entwickelte zu „Doch Arzt.“

Mein rechtes Knie war aus Gründen, die nur es selbst kennt, dick geworfen, anfangs mit heiß und aua, später nur noch mit dick und aua und meine Familie bejängelte mich täglich mehrfach, doch endlich mal einen Arzt aufzusuchen.

Ich versprach auch, dieses zu tun, sobald ich dazu Zeit hätte.

Also habe ich letzte Woche Montag bei meinem Hausarzt angerufen, um vorbei kommen zu können. Bei 30ten Mal kam ich durch und durfte um halb elf kommen. Ja, 29 Mal habe ich angerufen und bin nicht durchgekommen.

Nun ich also zum Hausarzt und erkläre ihm, dass das rechte Knie dick ist.

Er sitzt hinter seinem Schreibtisch, ich davor. Er tippselt in seinen Recher.

„Das ist Verschleiß. Da hilft eh nix.“

„Ja, aber ich muss damit arbeiten. Es muss doch was geben! Eine Salbe, eine Creme, irgendwas…“

„Diclofenac….“

„Die habe ich doch schon zuhause, die Salbe. Die hilft nicht. Und Pferdesalbe auch nicht…“

Er druckt mir einen Überweisung zum Orthopäden aus. Ich könne gleich nach nebenan gehen, dass sei ihm egal.

Ich gehe also in die Praxis nach nebenan und bekomme einen ganz schnellen Termin….am 8.11., aber immerhin 2017.

Ich gehe weiter arbeiten, futtere Ibuprofen wie Bonbons und starte doch noch einen Versuch und rufe einen anderen Orthopäden an.

Ich kann tags drauf, also am Donnerstag um 17.30 Uhr vorbei kommen. Super. Genau während meiner Arbeitszeit. Was die Frage aufwirft, warum man eigentlich immer solche Termine während der Arbeitszeit bekommt, zumal ich ja auch schon anders gearbeitet habe und da auch das Phänomen „Während der Arbeit “ erlebt habe.

Ich also zum Orthopäden. Eine Putzstelle liegt schon hinter mir und ich hätte doch gerne noch mal geduscht, aber…deshalb entschuldige ich mich in der Hochglanzpraxis bei der Hochglanzemfangsdame hinter dem Thresen.

Sie nimmt meinen Überweiser, meine Krankenkarte und fragt mich, ob ich damit einverstanden bin geröngt zu werden.

„Klar, wenn das nötig ist, dann schon.“

Ich solle im Wartezimmer warten. Neben mir sitzt eine blonde Frau mit Kind. Ein Mann kommt während meiner Wartezeit auf sie zugehinkt. Sie hilft ihm vorsichtig in den Schuh.

„Und was jetzt?“ will sie von ihm wissen.

„MRT und dann wieder her.“

Ich werde aufgerufen und denke, jetzt geht es zum Doc.

Ich werden zum Röntgen umgeleitet und das Knie wird zweimal geröngt. Das Dicke der beiden wohlgemerkt. So klassisch, nicht modern über den Computer, sondern mit den Bildern, die noch entwickelt werden müssen.

Dann soll ich mich vor den Thresen stellen und dort warten, weil es gleich weiter gehen würde.

Aha.

Geht auch gleich weiter. Ich werde in ein Hochglanz-Arztzimmer in Rot-Tönen gesetzt. Und nach dem „Der Doktor kommt gleich.“ kommt von der Hochglanz-Helferin ein „Ich bringe mal gleich das Ultraschall -Gerät“

Der Doktor kommt, will wissen, warum ich komme und als was ich arbeite.

Ich weise auf das Knie( Ich trage zum Putzen im so knielange Sommerhosen) und erkläre ihm, dass ich Putzfrau und Hausfrau bin.

Ich soll mich auf die im Raum befindliche Liege legen.

Er kommt rum.

„Ein X-Bein.“

*Jo. Und?*

Er guckt sich das Knie an, nimmt den Unterschenkel und bewegt das Ganze.

„Da ist Flüssigkeit drin. Viel.“

*Ernsthaft?*

„Da ist was nicht in Ordnung drin!“

*Echt? Echt jetzt?*

Er macht einen Klacks von dem Ultraschallgel drauf, setzt einmal den Ultraschall-Kopf auf, nimmt ihn gleich wieder runter und wischt das Geschmadder fort.

Und ich denke: Jetzt kommt es. Die Super-Schmiere, die Mega-Tablette, die das wieder in Ordnung bringt.

Ich bekomme eine Überweisung zum MRT.

Also esse ich weiter Ibu wie Bonbons und hole mir Montag einen MRT-Termin bei Dr. F. im Goslarer Krankenhaus, denn zu dem hat mich der Orthopäde geschickt. Und derweil gehe ich weiter Putzen, trepp auf und trepp ab.

Abends ist das Knie akkerat bewegungseingeschränkt.

Gott sei Dank ist es mir schon einmal zu Verhängnis geworden. Ich bin nachts wach geworden wegen Auaaaaaa. Und wollte so gern Haferflocken mit heißer Milch. Und beides war im Vorratskeller. Ich also runter. Runter ist keine Sache. Aber beim Rauf muss man aufpassen mit der eingeschränkten Bewegungsfähigkeit des Knies. Hab ich im Halbschlaf nachts um halb drei vergessen. Und zack, bleibe ich mit dem rechten Fuß an der Stufe hängen, beginne nach hinten zu fallen, ziehe mich am Geländer nach vor und krache auf die letzten oberen drei Kellerstufen, mit den Schienbeinen auf die Eisenkante von Stufe drei und den Unterarmen auf die Schwelle im Erdgeschoß.

Aus der Familie hat mich keiner schmerzhaft atmen hören…..Jetzt habe ich zwar jeweils einen schmerzhaften Hubbel am Schienbein, aber das Knie ist schon viel viel besser geworden. Es wird zwar immer noch dick, aber dieses Scheuern hinter der Knei-Scheibe ist weg. Ich möchte trotzdem nicht noch mal fallen, so ganz ehrlich gesagt. Ich bin auch froh, dass Ärzte niemanden die Treppe hoch schubsen. Hoffentlich jedenfalls.

Omma hat mich nur gefragt, ob man sich nicht verarscht fühlt, wenn man mit sowas zum Arzt geht und das läuft dann so ab.

„Ja, tut man. Und deshalb habe ich auch das Hausarztmodell gekündigt.“

Wahltag

Ich bin eingefleischter Nichtwähler. Doch nach allen Ereignissen der letzten Tage, Wochen, Monate und Jahre, da saßen C. und ich zusammen und stellten fest: Auch ich muss wählen gehen.

C . wählt jedesmal ordnungsgemäß per Briefwahl, damit sich jeder, den es hier im Haushalt interessiert, sich schon mal einen Überblick über den Wahlzettel verschaffen kann.

C. und ich sprachen also über die Wahl.

„Ja, aber was soll man denn wählen? Was soll ICH wählen?“ wollte ich wissen. Ich, der unpolitischste Mensch auf weiter Flur. Wie oder was oder, besser, wen sollte ich wählen?

Auch C. wußte nicht, was er wählen sollte. Nur zwei Dinge waren sicher:

AfD schon mal auf gar keinen Fall. Nicht nur wegen der Petry.  Und esoterischen Kram mit ’nem lila Schmetterling und der Forderung, die Raumenergie zu erschließen und zu nutzen, sowas nun mal auch nicht. Und weiter rechts  von der AfD auch nicht.

FDP, so sagte C., so habe sein Vater immer gesagt, das sei nur was für Reiche und Unternehmer. Hatten meine Eltern auch immer gesagt, also…FDP war damit raus.

Ich brachte einen Flyer der Deutschen Mitte ( DM) mit, obwohl ich schon den Namen , nunja, also so meins isses nich….Wir haben das gelesen, was die da machen wollen, aber schon einmal lesen, kurz besprechen auf dem Weg zum Wochenend-Einkauf im Auto  zum Kaufland, also knappe 5 Minuten, reichten, um zu sagen: Datt isses nich‘!

Und so saßen C. und ich da und wußten nicht, was wir wählen wollten. C. , ganz Informatiker, machte das Internet auf, als es den Wohlomaten noch nicht gab, und fand etwas Vergleichbares, allerdings wurde man in diesem Wahlomaten zu schon getroffenen Gesetzesentscheidungen befragt und wir machten das beide und es kam raus:

Links.

„C., ich bin doch nicht links!!“ Empörung pur.

„Nach dem Ding bin ich zu 54 Prozent auch links.“

Ich guckte an C. rauf und runter.

„Du und links! Das ich nicht lache….wieviel links bin ich denn?“

„71 Prozent.“

Aha.

„Und was machen wir jetzt?“

„Wir wählen das.“

Aha.

Ich mag überhaupt nix wählen. Gar nichts. Ich bin da noch nie gewesen und will da auch nicht hin.

Die Wochen liefen ins Land und C. probierte den Wahlomat, den richtigen, der ihm sagte, er solle CDU wählen.

„Und machste das?“

„Näh!“ Sowohl Links als auch CDU, das war irgendwie….nun ja.

Wenn wir gemeinsam im Auto saßen, sprachen wir über die Wahlplakete und deren Inhalt.

„C., guck mal, das sind doch nur Phrasen. Es ist Zeit….“ Ich zeigte auf ein großes Schulz-Plakat. „Für was isses denn Zeit? Für Mittag? Abendbrot? Drunter steht klein „für soziale Gerechtigkeit“. Dass gibt es doch gar nicht.“

Der Lindner wirkte auf mich wie das männliche Pondont eines Viktoria -Secret-Modells.

Und C. und ich freuten uns ungemein, daß sich irgendwer unserer erbarmt hatte, und alle NPD-Plakate auf dem Weg zu den Schulen von Laternen gekloppt hatte.

Luther würde NPD wählen, stand da. Luther ist tot, Hitler ist tot, die NPD leider noch nicht, aber die Dummen sterben ja eh nicht aus. Und als jemand, der aus einer Familie von Generationen Lutheraner stammt, Freunde, da mochte ich das überhaupt nicht, was die NPD da behauptete. Habe ich mich jedesmal drüber aufgeregt.

Im Fernsehen sah ich nicht nur dauernd irgendwelche Diskussionen von Politikern, Satirikern, Werbespots von Parteien, sondern ich sah den EINEN Werbespot.

Da waren Leute, die sagten, sie wollten, das alle ein Dach über dem Kopf haben, in unserem Land, das Kinder nicht mehr in Armut aufwachsen sollten, in unserem Land, das alte Leute nicht mehr in Armut leben sollen sollten, in unserem Land….und noch einiges mehr, was ich auch gut fand für unser Land. Ja, auch Integration oder wie auch immer, ich mag’s bunt.

Und ich dachte mir: „Datt isse, die kann ich wählen!!“ Erleichterung pur und Erwartung des Namens der Partei dieses Werbespots….und dann kam nur „Geh wählen!“. Nein, ich habe im Wahllokal nicht gefragt, wo denn die „Geh wählen“-Partei auf dem Wahlzettel zu finden ist, aber es wäre ein schöner Name für eine neue Partei, die vielleicht genau all diese Punkte mal in ihr Wahlprogramm aufnimmt.

 

C. Briefwahlzettel verschwand von der Magnet-Wand.

Der Wahlsonntag kam.  Die Kinder hatten gefrühstückt. Die Küche war aufgeräumt, die Waschmaschine lief, die Übernachtungskinder wurden abgeholt.

Ich machte das, wie ich das als Kind von meiner Mutter gesehen hatte. Nicht ganz so. Das Sonntagskleid hielt ich für overdressed und ein Gesicht aufgemalt habe ich mir auch nicht, aber ich habe gründlich geduscht und mir ebenso gründlich die Zähne geputzt.

Am Vorabend hatte ich schon die Wahlbenachrichtigung raus gesucht und kontrolliert, das mein Ausweis auch noch gültig war. Man wollte ja nicht doof da stehen.

Auf der Wahlbenachrichtigung stand, dass ich zur Feuerwehr nach schräg gegenüber musste, meinte ich, aber als ich die Hausnummer der Straße las, habe ich doch lieber das Navi eingeschaltet und standesgemäß das Auto genommen, obwohl in Olhof alle zu Fuß da hin sind. Aber ich bin ja nicht Olhof.

Im Wahllokal bekam ich meinen Zettel und nahm eine der beiden Wahlkabinen.

Ich guckte mir den Zettel an und fand die Linke nicht. Panik.  Ruhig bleiben. Einfach ruhig bleiben. Die muss doch da irgendwo sein. Aber Hauptsache die blöde AfD ist da drauf…..Ich habe sie dann doch gefunden und mein Kreuzchen gemacht.

Zweit-Stimme???? Panik brach aus und ich war versucht, mein Handy rauszuholen, um C. zu fragen, was ich denn mit der zweiten Stimme machen sollte. Ich hab‘ da einfach  noch mal dasselbe angekreuzt. Ich kenn die doch alle gar nicht.

Dann wußte ich nicht, wie man den Wahlzettel ordentlich zusammen faltet, habe das aber einfach auf Brief-Umschlagsgröße gemacht, mittig noch mal gefaltet und, bevor ich das Papier in die Urne geworfen habe, habe ich noch mal gefragt, ob das da rein muss. War aber richtig.

Für das erste Mal wählen fand ich mich gut. Aber jeden Tag möchte ich das nicht machen.

Und seit ich den Zettel da reingeworfen habe, da würde ich gerne noch mal fragen, ob ich noch mal auf meinen Zettel gucken kann, ob ich das auch alles richtig gemacht hab.

Maaaaaaan.

Und dann kam 18 Uhr und kurz drauf die ersten Prognosen. C. und Mal zockten und ich lief dauernd rüber, völlig schockiert, dass die AfD mit der Petry Frauke und deren Ferdinand jetzt im Bundestag sind.

„Die haben 87 Sitze!!!“

„Was??“ C. redet sonst nie mit mir , wenn er zockt.

„Die AfD hat 87 Sitze im Bundestag !“ Und C. unterbrach und wir sahen und hörten den Schulz im Fernsehen sprechen und sind der SPD echt dankbar, dass sie die Opposition wählen.

Mir ist immer noch schlecht ob dieses Ergebnisses, aber C. sagte, das Schwarz-Gelb-Grün, dass das keine so einfache Sache sei, das der Schulz das gut gemacht hat, weil damit nicht mehr die AfD die stärkste Oppositionspartei sei und somit auch keine Ämter bekomme, und das die Verhandlungen bei Schwarz-Gelb-Grün wohl bis nach Weihnachten gehen werden und er so denke, dass man ja nicht wisse, ob die das vier Jahre lang durchhalten….

 

„Eigentlich will ich nicht bei Euch wohnen…“

Selma ist vier Jahre alt und sitzt auf dem Rücksitz meines Autos. Wir sind auf dem Rückweg des Sommerfestes für Pflege-Eltern.

*Pflege-Eltern nehmen solche Leute wie C. und micht nicht ernst. „DAS ist ja  nur Verwandtenpflege!“ ist ein oft fallender Satz. Abwertend, geringschätzig, ohne zu erahnen, wieviel Arbeit an sich selbst nötig ist, um zu differenzieren. Und das macht man nebenbei den ganzen Tag.*

Selma hatte nach einer Unterbrechung von sechs Wochen Umgang mit Mama.

Nein, Selma will nicht bei uns wohnen. Und es hilft auch nicht, dass ich ihr sage, dass das völlig normal ist, weil jeder lieber bei Mama und Papa wohnt.

Sie hat eine sog. regressive Phase, schwer, laut und auch handgreiflich den anderen gegenüber. Provokant, wie auch immer.

Patty hat ihre Fortschritte nicht völlig verloren, gibt aber wieder die Kopie von Selma und jeder Informatiker wäre verwundert, wie schnell ein Mensch Gesten und Worte kopieren kann, wenn er Patty neben irgendwem anders sieht.

Pflege-Eltern sein ist, so finde ich, keine einfache Hausnummer. Man weiß sehr genau, dass es richtiger ist, wenn Kinder bei ihren Eltern aufwachsen. Es fühlt sich einfach richtiger an. Ich kann uns schon als Pflege-Eltern bezeichnen, denn von zwei-dreimal sehen in den ersten Lebensjahren der Mädels kann man nicht von einer Oma-Opa-Enkel-Beziehung sprechen.

So. Und dann kommt also so ein Kind in die eigene Familie. Bei uns sind es zwei, also ist eine Familie in unsere Familie gezogen.

Und sie sind ganz anders als das eigene Kind. Nein, sie können mit Museumsbesuchen nichts anfangen, wollen lieber essen oder auf den Spielplatz, wo durchaus die Große mal die Kleine vom Gerüst schubst.

Und du arbeitest. An Dir selbst, mit Deiner Familie, mit der kleinen Familie, denn die einzige Chance ist, dass beide Familien sich aufeinander zu bewegen. Auch meine Familie, die mir da schwerfällig wie ein Ozeandampfer vorkommt, auf die kleine Familie, die bei uns einzgezogen ist.

„Eigentlich will ich gar nicht bei Euch wohnen.“ Ganz freundlich, wohlwollend kommt das Stimmchen vom Rücksitz.

Und die Mädchen haben sich entwickelt. Selma kann sehr sanft sein. Sie steht nicht mehr morgens auf und durch das Haus schallt ihr „Oooooooomaaaaaaa.“ wie die Dauerschleife einer Lautsprecher-Ansage. Sie muss nicht mehr alle schlagen, anspucken, kneifen, treten, bestehlen.

Patty, das im silbentakt lautierende Kind, spricht ganze Sätze. Noch nicht ganz sauber, aber von dem Verdacht einer geistigen Behinderung ist sie erstmal meilenweit entfernt und kann im Regelkindergarten bleiben.

Es muss Platz sein für Entwicklung. Es muss einfach Platz sein. Weniger nicht.

Am Anfang der Pflegerei war ich der festen Überzeugung, ich könnte Rituale und Verhaltensweisen anlegen, die es der Mutter einfacher machen würden. Aber ich habe das Fachbuch an die Seite geschmissen, als ich gelesen habe, das Verhalten Beziehungsbezogen ist, was im Umkehrschluß bedeutet, die Mama muss, wenn die Kinder wieder bei ihr sind, daran arbeiten, dass sich deren Verhalten im Umgang mit ihr ändert.

Eine herbe Enttäuschung, diese Erkenntnis. Und weiter gemacht.

Und nun siehst Du, wie sich diese Kindern entwickeln. Selma malt, Patty spricht. Sie singen, sie tanzen und sind im Kindergarten. Ich gehe abends putzen, die Müllwerkerduschen und Toiletten, weil C. dann von der Arbeit zuhause ist und immer einer von uns da.

C.s Mutter sagte, dass diese Kinder ungeliebte Kinder sind, weil ihnen die elterliche Liebe fehlt. Ungeliebt würde ich nicht sagen, aber die Liebe von Mama und Papa kann gar keiner ersetzen.

Du lernst, dass die Krisen, die diese Kinder durchmachen, denen der Erwachsenen überhaupt nicht unähnlich sind und tröstest die Untröstlichen.

Und dann plant die Mama, dann und dann die Kinder wieder zu sich zu nehmen. Und obwohl in diesem einen Jahr ganz viel bei den Kindern passiert ist, ganz viel entwickelt ist, ist bei den Eltern nicht viel passiert. Also viel schon, aber nicht in die Richtung, in die es sollte, damit die Kinder wieder zu ihnen können.

Als das bei uns kam, hatte ich Bauchschmerzen. Ich konnte nicht essen, konnte nichts formulieren. Ich bin in das Gespräch gegangen und war so verzückt von der Entwicklung der beiden Mädchen und dann –  Bämm!

Aber sie ist die Mutter. Und ich fühlte mich schlecht, weil ich mich schlecht fühlte, die Mädels wieder zur Mutter zu geben. Ja. Sie plante das in einem Jahr, aber in einem Jahr, was da wohl sein würde? Aus der jetzigen Situation heraus – Übelkeit, Kopfschmerzen, Bauchschmerzen.  Und dann juckten mir die Augen und schwollen zu. Bindhautentzüngung, sagte Omma.

„Ich kann den ganzen Mist nicht mehr sehen!“ war meine Antwort.

Und weil ich mich als schlechte Pflegemutter fühlte, weil es mir so Bauchweh machte, aus der jetzigen Situation die Kinder zur Mama zurück zu geben, obwohl sich das auch irgendwie richtiger anfühlte, als das jetzt hier, machte ich einen Wochplan für die Mama.

Sie wollte die Kinder im zweiten Jahr ihrer Ausbildung zu sich nehmen und ich nahm den Best-Case mit Schulschluß so an, dass sie um zwei die Kinder von der Kita abholen konnte.

Es musste doch irgendwie eine Möglichkeit geben, das schlechte Gefühl los zu werden. Und ich plante den Morgen der Kinder und der Mama mit ihren Möglichkeiten und Bedürfnissen und den Tag und den Nachmittag und kam ohne Lernen für die Schule schon auf einen 14-Stunden Tag, nachdem das Lernen für die Schule einsetzen musste.Es blieb keine Zeit für den neuen Freund und die anderen Freunde, sondern nur Zeit, um Aufgaben gerecht zu werden. Lediglich am Wochenende war Freiraum, der aber, so meine eigene Erfahrung, zur Aufarbeitung des Liegengebliebenen genutzt werden muss.

Das Gefühl wurde noch schlechter und die Augen noch dicker. Also rief ich die Familienhilfe an, sagte ihr, was ich so dachte, nur um die Augen wieder auf normal zu kriegen, was ich ihr auch sagte. Es war lästig, mir selbst beim Gucken im Weg zu sein.

„Ich möchte einfach nur ein gutes Gefühl bei der Rückführung haben. Nur einfach ein gutes Gefühl.“ Ein gutes Gefühl, dass es klappen kann. Mehr nicht.

Und dann kam der Umgang und Selma kriste.

Sie plante ganz genau. Sie wolle zur Mama zurück und Patty solle bei uns bleiben. Es ist, als ob das kleine Mädchen genau weiß, was bei der Mama los ist, weil es sich mit den Aussagen der Mama deckt.

Und sie will wissen, was jetzt los ist, wo die Mama wohnt, wo der Papa wohnt und, vor allem, wo ihre Katze ist.

Und wir haben, nachdem sie tagelang schimpfen und meckern musste, darüber gesprochen. Wie das war, als sie herkam. Warum sie nicht bei Papa bleiben konnte.

Und als ich ihr sagt, weil Papa trinkt, da arbeitete das Köpfchen und sie fing leise und unaufhörlich an zu weinen, wie wenn sie genau weiß, was das bedeutet.

Am Ende sagte sie jedoch eines ganz klar:

„Mama ist weggegangen, weil sie nicht mehr mit Papa zusammen sein wollte.“ Und auch das stimmt. Wir haben nicht darüber gesprochen, warum sie sie nicht mitgenommen hat, die Selma und die Patty. Es werden wohl noch viele dieser Gespräche dieser Art geführt werden müssen.

 

 

 

 

 

Ernährung

Zehn Kinder habe ich und wie man auf dem Familienfoto sehen kann, so verschieden, wie sie auch sind, sie leiden keineswegs an Adipositas außer Klein E., die ich derzeit liebevoll Sucuk nenne. Und Groß E., die, einem Trend ihrer Klasse folgend wie fast alle Mädchen dort an sich rumritzt und deshalb von mir „Ritzi“ genannt wird.

Die Spitznamen meiner noch bei mir lebenden großen Kinder, nämlich Knasti, Checki, Ritzi und Sucuk, führten zu einem Tadel seitens der Familienhelferin von Patty und Selma.

Ihr Argument war, dass die Kinder diese Spitznamen, resultierend aus ihrem Verhalten, das also meine Kinder diese Namen nicht toll finden.

„Ja, denken Sie ernsthaft, ich finde deren Verhalten toll? Einer, der so lange Schule geschwänzt hat und die dadurch verhängten pädagogischen Bla-Bla-Auflagen, also die Gespräche bei Ihren Kollegen mit sozialpädogisch anstudierten Hintergrund, nicht gmeacht hat und letztendlich vier Wochen, in Zahlen 4, Wochen Dauerarrest abgesessen hat??? Der ist nunmal ein Knasti, wenn er nicht schlagartig sein Verhalten ändert!

Und Checki. Schule Mist, große Fresse, in kriminellen Kreisen unterwegs. Ich muss nur noch ’ne Hand voll hässlicher Pseudo-Goldketten finden, am besten mit glitzerndem Dollar-Zeichen oder dem Schriftzug „Dumm“, dann ist das Bild perfekt.

Oder Ritzi. In der einen Woche erzählt sie mir noch, wer alles an sich rumschneidetund findet das einfach nur dumm, und in der nächsten macht sie es selbst, um dazu zu gehören, weil ihre beste Freundin…Jaja, wir sind im Gespräch. Und waren es nicht Sie, Frau Familienhilfe, die mich darauf hingewiesen haben, dass es sich bei dieser Ritzerei u.a., und dabei ohne tatsächlich von Borderline Betroffenen die Glaubwürdigkeit nehmen zu wollen, ein Modetrend ist und in der Kinder- und Jugenpsychiatrie Kinder mit diesen Symptomen schon gar nicht mehr aufgenommen werden?

Und Sucuk? Sucuk habe ich erklärt, das sie bedauerlicherweise aus einer Familie stammt, die auf bestimmte Zusatzstoffe in Lebensmitteln reagiert und zwar mit Dauerfraß und horizontaler Expansion. Ich habe sie bebettelt, diese Lebensmittel, zu denen u.a. Fertigessen und Softdrinks gehören, mit äußerster Vorsicht zu nutzen. Und? Ich finde im Guten kein Gehör. Und muss, wenn sie auf dem Bett liegt, tatsächlich an Greenpeace und das Meer denken…. Also, wer das Gute nicht will, muss das Schlechte nehmen und natürlich werde ich meinen Mund nicht halten, wenn meine Mädchen wie Bordsteinschwalben rumlaufen, in diesen durchsichtigen Muskelshirts mit bunten Pseudo-Kunst-Aufdrucken, dieser Halskette, dem sogenannten schwarzen Gürtel im Blasen.

Natürlich konnte die Ältere der beiden sich austesten und ihre Augebrauen wegrasieren und sich morgens welche anmalen. Aber muss ich meinen Mund halten, wenn es sich bei den aufgemalten um zwei wagerechte, einen Zentimeter breite Striche handelt? Pädagogisch wertvoll wie eine Seerobbe in die Hände klatschen und rufen: „Das hattu aba fein gemacht!“. Nein.“

Ich erlaube mir, konstruktive Kritik zu äußern.

„Eheee? Was ist denn unter Deinen beiden Zensur-Strichen im Gesicht?“

„Hm?“

„Na, die beiden Dinger über Deinen Augen! Ist das Edding oder geht das beim Waschen wieder ab?“

Aber ich bin in die „Pubertiere“ abgeschweift, als zurück zu Adipositas.

Nun arbeite ich ja abends. Und wir wollen gute Eltern sein. Also machen wir Frühstück. Mit Brötchen aufbacken, Milch, Cappuccino und pünktlichem Wecken und hinterher zur Schule und in den Kindergarten fahren bzw. A. zum Zug, weil er in der Erwachsenenbildung seinen Schulabschluuß endlich nachholen will.

Und dann wirft C. immer eine runde Süsses auf den Tisch, so daß sich jeder ein Schokolädle oder eine süße Backware zum „richtigen Essen“ mitnehmen kann. Es gibt auch frische Gurke und Paprika im Angebot. Und so kann jeder sein Mitnahme-Essen nach seinem Geschmack gestalten. Nur Trinken….das ist Wasser in kleinen Flaschen.

Und nun komme alle zu Tisch und auch Patty und Selma suchen sich zielsicher ein Süßchen raus. Eins. Ein Miniriegel oder ein Kinderriegel. Eins. Und damit bin ich die Frage von Selma nach Schoki für den ganzen Tag los.

Dann frühstücken die beiden Mädels. Ein halbes Brötchen mit irgendwas. Die andere Hälfte landet in der Brotbox mit ausgesuchtem Belag und sie können aussuchen aus dem Frisch-Gelumpe, heute haben sie Brombeeren aus dem Garten mitgenommen.

Und heute bekomme ich den Vortrag in der Kita. Die Mädels hätten immer so viel Süsses dabei,.

„Also bei mir packen sie nur eins ein.“ Eins pro Tag.

Nein, das wolle man nicht, weil sie immer erst das essen wollen.

„Nunja, die frühstücken ab sieben.  Mit allem Kram von Milch über Wasser über Tee und Brötchen, die sich durchaus auch Fitness oder Vollkorn nennen.“

Für  micht ist klar, sie sollten nun nicht um halb neun wieder am Verhungern sein, weil dann wäre das was falsch.

Ich könnte ja sowas wie Fruchtzwerge mitgeben, aber die bekämen ja immer was richtiges Süßes.

Mir als Laie verschließt sich der Unterschied zwischen richtigen und unrichtigem Süßen, aber naja.

Und Fruchtzwerge…boah, das ist für mich Müll. Das kein Essen.

Nunja. Ich weise freundlich darauf hin, das Selma heute die Brombeeren mitgenommen hat.

Aber auch das ist falsch. Man habe ja Obst stehen und das sei ausreichen.

Pass ma achte, ehrlich: WENN Selma Brombeeren aus dem Garten mitnehmen will, dann  nimmt sie Brombeeren aus dem Garten mit! Irgendwie ist auch mal gut.

Damit hier Entwicklung stattfinden konnte, musste sich die Familie auch ernährungstechnisch auf die beiden  Pflegekinder zu bewegen, nicht nur rituell, intellektuell und emotional! Was sollte das denn werden, wenn sich der Umzug zum Kulturschock entwickelt? Da zweifeln doch doch völlig an sich selbst!

 

 

Dies Wochenende war nicht meins!

Samstag bin ich auf die Idee gekommen, eine wirklich dumme, aber notwendige Idee, mich endlich wieder an den Garten zu  machen. Der Monsun hatte sein Werk getan und  die Pflanzen, die durchaus wassertauglich sind, wuchern wie die Weltmeister.

Nun stellte ich zunächst fest, das jemand meine Brombeere, die keine Stacheln hat, abgeschnitten und mir die abgeschnittenen Ranken in den Garten geschmissen hatte, jedoch die, die von meinen Nachbarn auf mein Grundstück wächst und die Dornen hat, die überwucherte weiter meinen Garten.

„Mach sie doch weg“, sagte C..

Aber ich bin zu folgendem Schluß gekommen:

Wenn da eine Brombeere genau in dem Jahr meines Einzugs genau so am Zaun des Gartens meiner Nachbarn wächst, dass sie meinen Garten über rankt, dann  ist das eine Fügung zum Schutz vor meinen Nachbarn . Immerhin waren die ersten Siedlungen ja auch zum Schutz von solchen Wällen aus Wildrosen und Brommbeeren um geben. Denkt mal an Dornröschen.

Dann stellte ich fest, daß der Garten ja mein Garten ist und ich Gesträuche, die ich nicht mag, nicht dort haben auch, auch wenn sie mir von meiner Mutter geschenkt worden sind. Also kürzte ich den Cola-Strauch, wie ihn meine Mutter nennt. Und während ich da schnitt und ruckte wurde mein Fuß nass und ich wunderte mich. Stellte dann fest, dass dort unter dem wuchernden Strauch die Abdeckung ein mit Wasser vollgelaufenes Plastikdach eines Mini-Gewächshauses lag, dass nun leer lief, weil ein Stein der kleinen Mauer heruntergefallen war und meinen Fuß und eben jenes Dach getroffen hatte.

Zeh auf.

Sonntag. Zeitungen gemacht,  Mini hat Magenschmerzen und liegt auf dem Sofa, Selma hustet und liegt in Groß E.’s Bett. Patty setzt sich zu mir auf das Sofa und Olaf kaut auf seinem Knochen. Also alles sonntäglich….dann quietscht Olaf. Ich denke noch nicht so schnell, bis er zum zweiten mal quietscht und denke, dass er vielleicht einen Knochensplitter ….

Der Knochen ist der teuerste Mark-Knochen auf dieser Welt. Er kostet 259,15 Euro zzgl. Anschaffungskosten von 3,97 Euro, weil

Ein Zahn ist abgebrochen und muss doch noch mal gemacht werden.

Die Tierärztin war jetzt nicht so der Burner. Als wir das letzte Mal beim Notdienst waren, hat die ihm was ohne Zugang gespritzt, dieser Hier wollte unbedingt einen Zugang legen.

Er musste dazu auf den Tisch und wir haben ihn mit drei Leuten festgehalten. A. war mit und wurde von Olaf in die Hand gebissen, als dieser seine Vorderbeine hielt. Die Tierarzthelferin und ich lagen auf dem Hund. Die Tierärztin traf erst beim zweiten Versuch, den sie nach dem mißglückten Versuch am Hinterbein, und der Olaf wollte dann einfch nicht einschlafen….

Die Wohnung war vollgesabbert, das Auto, der Untersuchungstisch, meine Jacke durchgesabbert. Maaaaaan….Mal sehen, was die nächste Woche bringt.