Der Hund ist tot.

Lupus war schon lange krank. Es fing mit Magen-Darm vor zwei Jahren an. Hunde kotzen manchmal. Und manchmal haben sie auch Dünnschiss, aber so wie der plötzlich kotzte, da wußte ich: DA stimmt was nicht.
Ich also paniklich hin zum Tierarzt. Der guckt ihn an, bezeichnet ihn als gutaussehend für sein Alter, war er ja auch, auch ohne das Alter und gab mir Mittel mit, damit der Hund nicht weiter kotzt.  Aha. Arg wenig, für das Gefühl, was da war. Aber wenn der Tierarzt das sagt….
Dann wurde ein Hoden dick, vllt der andere auch nur klein, ich weiß es nicht. Im letzten Jahr wurde sein Fell ein Flickenteppich. Kleine Tiere waren nicht zu finden, dennoch  gegen alles, was Hunde so besiedeln kann, vor, innerlich und äußerlich. Er hatte ein Taubenei-großes Geschwür an der Innenseite des Hinterbeines, das nackt wurde. Aber er lebte einfach weiter, pflegte seine Feind- und Leidenschaften. Ich wusch den Hund, seinen Platz, holte von Dorschlebertran bis hin zu Balistol. Balistol bekommt man im Internet, für Dorschlebertran muss man 90 Kilometer weit fahren.
Cremte wusch, putzte. Und der Fell- Kram blieb stehen. Ein Erfolg. Es ging nichts weiter aus, der Juckreiz ging zurück. Die Milchdrüsen traten hervor, wie lange runde Stifte, oben drauf wuchsen kleine runde Gnubbel.
Wir fuhren ans Meer mit dem Hund. Uns war klar, was das ist. Das Ende. Ganz kleine Inseln von Fell entstanden auf den kahlen Flächen und wir dachten: Jupp, jetzt geht es wieder vorran. Es wird doch wieder alles gut.
Er fing an, sich einzulullen. Wir nannten das einfach, er wurde undicht. Er stand auf und es passierte, es passierte im  Liegen, im Laufen, beim Futtern, es passierte eben einfach. Genügend Haushaltsrolle, Hundeplatzdecken und Dan-Clorix waren im Haushalt. Und Wasser zu auffüllen des Wasserverlustes im Körper.
Kurz vor Weihnachten sah er aus, als habe er eben gerade geworfen. In der Zwischenzeit klaute er weiter dem Kind die Würstchen aus der Hand, die Schoki aus ihrer Vorratskiste und fing an den Müll zu plündern, legte sich zur Katze auf D´s Bett. Er klaute das Katzenfutter, wie die ganzen Jahre davor. Wir schlossen die Küche ab, kauften ihm teures Hundefutter. In Nass, ist klar. Er faß weiter Katze und die Katzen fraßen das vom Hund.
Belagerte das Sofa. Ja, mir war klar, was das alles bedeutet.  Mit war es seit dem Hühnereigroßen Geschwür am Hinterbein klar.
Vor vier Wochen wurde das Füttern mehr als schlecht. Von Leberwurstbrühe bis hin zu einer Schüssel voller Leckerlies und damit meine ich ein Pfund Leckerlies, einer Schüssel Trockenfutter und Nassfutter, mit Katzenfutter, ohne Katzenfutter, mit Streickäse, ohne, in allen Variationen…nix wollte mehr so richtig gehen. Er holte sich weiterhin Schokolade aus dem Kinderzimmer und packte sie gekonnt aus, wie all die Jahre davor.
Also fütterten wir das, bei dem Hunde garantiert nicht widerstehen können: Salami, Fleischwurst, Kuchen, Essen vom Tisch, alles zu dem Angebot an voller Futterschalen. Aber er war nicht bereit, die Mengen zu sich zu nehmen, die für einen ehemals 50 Kilo Hund nötig wären. Zu gleichen Zeitraum wurde er innerhalb kürzester Zeit ganz blind. Hören war ja noch nie seins, auch wenn er im Alter taub wurde, aber blind war schlimm. Er wurde immer dünner. Haut und Knochen.
Und ich dachte immer: Ich muss den loslassen. Ich halte den fest. Und ließ den los.
Aber er blieb. Es war, als warte er auf etwas. Morgens dachte ich, wenn ich heute von der Arbeit komme, dann ist er nicht mehr. Aber er lernte, wo er sich mit der Nase hinstellen musste, nachdem er anfangs immer in die Küche geguckt hatte und gewedelt hatte, wenn ich von der Schicht kam. Er fiepte und hoppste(!), wenn es rausging, auch wenn das Tempo der Spaziergänge immer langsamer wurde. Seine Feinde wurden ihm nicht egal.
Und gestern nun, nachdem ich es geschafft hatte, am Vortag zwei Dosen Katzenfutter in den Hund reinzubekommen, wurgste er. Und ich wußte: Das war´s. Ich rief einen Tierarzt an, machte für heute einen Termin. Ging zu ihm und er legte sich auf die Seite, genauso, wie er heute dann auf der Seite lag. Er trank nicht mehr richtig und fressen wurde noch weniger.
Heute morgen habe ich gelernt, das nicht nur ich ihn  festgehalten habe. C. sagte, Lupus habe doch gestern rumgehopst und sei im Flur völlig abgegangen, als er mit ihm raus wollte. Er habe doch noch Spaß. Ich solle den doch einfach noch ein bischen lasen. C. hatte rote Augen. Wobei er doch Hunde gar nicht mag. Außerdem habe der Hund ja doch das Katzenfutter gestern aus seiner Schüssel gefressen. (Anmerkung: Eine Dose Katzenfutter = 400 gr). Ich solle den Hund in Ruhe lassen.
Ich habe ihn trotzdem zum Tierarzt gefahren.

Heute morgen wollte er nicht mit, der Hund. Er wollte nicht ins Auto. Und schon gar nicht zum Tierarzt. Kein Locken, kein Betteln, am Ende habe ich ihn getragen. Sie hatten uns einen Termin vor der Sprechstunde gemacht. Er war so dünn und klapperig.
Es hat zwei Spritzen gebraucht und eine dritte in den Brustkorb und eine halbe Stunde. Ich weiß nicht, ob es wirklich der richtige Zeitpunkt war. Sterben ist  nicht so leicht. Und sterben ist wie geboren werden: Wenn es zum falschen Zeitpunkt kommt, dann ist es Quälerei.
Die Tierärztin fasste seine Milchleiste an und war erstaunt, das der Brustdrüsenkrebs nicht durch zig Untersuchungen diagnostierziert sei. Bis heute wußte ich nicht, das es beim Rüden zu 98 % tödlich ist. Als es anfing und es begann vor zwei Jahren mit Durchfall und diesem seltsamen Kotzen, da wußte ich: Das wird nicht gut.

Nun ist er nicht mehr, mein Gentle-Man. Alle konnten ihre Welpen problemlos nach dem Belohnungsprinzip erziehen. Bei dem hier ging das nicht. Sobald man den von der Leine machte, ging der seine eigenen Wege. Meine Güte, hat der mich oft blamiert. Weg warer. Und alle Hundebesitzer um mich rum: „Du musst nur Leckerlie…“ Irgendwann hatte ich die Fresse fett, war mit einer Freundin unterweg, der Hund dampfte ab und ich warf Hände von Leckerlies um mich herum. Er kam nicht wieder, aber die Hund meiner Freundin freuten sich wie blöd.
Rufen war auch zwecklos. Der kam erst dann wieder, wenn ich mir sein Gesicht klar mit der Zeichnung im Kopf vorstellen konnte. Dann kam er…..Ja, und ich nannte ihn dann Arschloch, weil das macht man nicht.
Er hat die Nachbarn immer irre gemacht. Ich weiß nicht, ob er es von der Katze gelernt hab, aber vor zwei Jahren machte er plötzlich Türen auf und ging draußen spazieren. Die Hundekenner unter den Nachbarn verfolgten ihn, versuchten ihn einzufangen und konnte ihm nur zugucken, wie er hier und dort pinkelte und dann zu seinem Rudel, Groß E und klein E, lief, die von der Schule kamen und mit denen nach Hause ging. Man lässt sich doch nicht von jedem anfassen.
Drei Spritzen und eine halbe Stunde. Es hat mir niemand gesagt, das das so lang geht. Niemand. Es hat mir niemand gesagt, das es so schwer ist, das er einfach nicht wollen würde wollen. Er ist sonst auch immer den Weg mit mir gegangen, der zu gehen war, aber diesen wollte er nicht.

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4 Gedanken zu “Der Hund ist tot.

  1. Trotzdem hast Du eine gute, weise Entscheidung getroffen. Bevor er seine Lebensqualität völlig verliert. Ich weiss, dass es ganz schwer ist, loszulassen, besonders, wenn ein Tier jahrelang mit einem gelebt hat. Denn trotz allem wurde er ja geliebt, mit all seinen Macken. Ich habe noch lange danach das Klackern der Nägel auf den Fliesen gehört. Dass es so lange gedauert hat, ist allerdings ungewöhnlich. Trink einen Schnaps oder so was, mach was Schönes und denk an die Sachen, die Dir und ihm Freude gemacht haben.
    Drück Dich!!!

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