Schule und Kinder

Als ich Kind war, war klar: DIE macht Gymnasium.

Die ist ja sowas von faul, aber sowas von intelligent. DIE macht Gymnasium. Das ging die ganze Zeit in der Grundschule so.

„Was willste denn mal werden?“ Diese Frage kennt jeder von uns. Und wer nur einfach „Groß!“ antwortete, galt als frech und so suchte man sich irgendeinen Beruf vor dem sonntäglichen Kaffeetrinken bei Omma aus.

„Was willste denn mal werden?“ wurde man da von den alten Frauen, strickend und häkelnd, gefragt.

„Hach, sie kann ja so gut mit Tieren…“ kam dann von mütterlicher Seite.

„Weiß ich nicht.“ kam dann vom Kind

„Na, wennse so gut mit Tieren kann, dann kannse ja Tierarzt…“

Bauer sollte unsereins nicht werden, das waren die Alten schon über Generationen hinweg und fanden das wohl keinen guten Beruf.

Gut, wird ’se Tierarzt. Immerhin hatte sie ja eine Schildkröte. Wenn man mit Schildkröten kann, kann man mit Tieren….

Also war klar: Gymnasium.

Und weil nun ich auf Gymnasium, musste mein Cousin auch.  Man musste ja mithalten in einer Welt aus Schwab-Polyester-Fohlen-Mänteln und schokobraunen Mercedessen bei Becksbier und Würstchen.

Mein Cousin hat gelitten. Und kaum hatte sich meine Tante von der Brücke bei Bokenem gesprungen, verließ er die Schule und ging zur Polizei. Wollte er schon immer hin. Und auch das zeigt, jedes Schlimme hat auch immer was Gutes.

Ich machte weiter. Die is ja klug, die muss ja studieren.

Wenn man als Kind so ein dickes Ding in rosa wie ich war, hatte man beim Kuchen essen viel Zeit, den anderen zu zu hören und sie zu beobachten. Der Mund war ja voll. Da konnte man nix sagen.

Und früh wurde klar, was dieses „Mein Kind soll es mal besser haben als ich.“ für Auswirkungen hatte. Mich ließ das Gefühl nicht los, das da jemand die Träume seiner Eltern erfüllen sollte.

Während der ganzen Zeit auf einem Gymnasium in der Kleinstadt, in der ich groß geworden bin, fühlte ich mich fremd und fehl am Platze. Nein, ich habe keine Vokabeln gelernt, es sei denn, die Klassenarbeit stand an, dann habe ich zwei Tage vorher die Vokabeln des ersten Lehrbuches und die bis dahin, wo wir waren, aus dem zweiten Lehrbuch gelernt. Wozu sollte man etwas auswendig lernen, wenn man doch  wußte, wo es zu finden war? Das reichte immer für ne vier, manchmal auch für ne drei. Je nach dem. Nach was eigentlich?

Die Geschichten in den Deutschbüchern, die wir besprechen mussten, fand ich doof. Ich habe,nachdem ich ziemlich schnell über Bille und Zottel raus war, die Büchersammlung meiner Mutter durchgelesen. Bücher von Jaque Costeau fand ich doof. Da waren nur die Bilder schön, aber  Bücher von Robert Kennedy fand ich klasse, und Shakespeare aus der Stadtbibliothek, die auch Brecht auf Lager hatte. Kommt nicht so gut mit 12, 13, 14.

Herr Weißensee, unser Physiklehrer ,sagte klar im Unterricht: „Das ist nicht für die Damen in der letzten Bank, die brauchen das nicht.“ und sowas nimmt man gern. Also war ich in Physik eine Niete. Vier reicht.

Chemie fand ich doof und als Uta neben mir nicht weiter kam mit ihrem Spickzettel, habe ich ihr die Antwort aus dem Buch auf meinem Schoß abgeschrieben und gegeben. Und bin dann zuhause in irgendwelchen Büchern aus den Regalen der Bibliothek verschwunden.

In Mathematik war ich eh immer eine Niete. Da war ich mit ner fünf zufrieden, aber ich konnte keinen Lehrer wirklich überzeugen, das ich diese Sache mit den Arbeiten lassen kann, weil wir könnten die Note vorher festlegen. Kommt eh nix bei raus. Also habe ich die Stunden sinnvoll genutzt und habe die Latein und Englisch-Hausaufgaben gemacht.

Musik war auch nicht meins, beim Chorsingen war ich kläglich gescheitert. Kein Taktgefühl. Wie im richtigen Leben, jeder Fettnapf ist meins.

Später habe ich dann bei dem zwar in zwei Chören gesungen, aber macht ja nix.

Sport musste ich über Jahre nicht machen, weil ich eine Blockwirbelbildung im Genick hatte, eigentlich verwächst sie sich nicht, aber meine angeblich schon. Jedenfalls hatte ich die, was sich rausstellte, als das Mädchen in Rosa mit Kuchen im Bauch bei einer Rolle rückwärts erbärmlich scheiterte und dann in der Englischarbeit eine sechs schrieb, sie konnte den Kopf nicht mehr bewegen und durfte auch nicht nach Hause. Das war das einzige Mal, das meine Mutter in der Schule aufgeschlagen ist mit dem Attest vom Krankenhaus und mir mit Halskrause im Schlepptau.

Kunst war ich nicht so. Mein Kunstlehrer erklärte mir, ich könne eh nicht malen und in den höheren Stufen kam moderne Kunst dran und da lernte ich: schmeiss allen Müll zusammen, gib ne gute Begründung und zack , haste 15 Punkte.

Und Uta lernte und lernte und lernte. Und ich las Bücher, besuchte von meinem Taschengeld unser Museum und die Kirchen und alles, was man sich angucken kann, und Uta lernte und lernte und war jetzt nicht so der Oberburner in der Schule.

Ich kann mich anne Mathestunde erinnern, da hatten wir irgendwas mit Bruchkürzereien. Und sie häckselte die ganzen Zahlen in den Taschenrechner und das war mir zu blöd, weil, das dauerte mir zu lange. ich war im Kopp schneller. Nein, ich habe nicht erster geschrien. Sondern nur voll asselich gefragt: „Biste fertig?“

Meine Mutter hat es mit allem probiert. Wirklich allem. Von den Ohrfeigen flogen meine Brillen durch den Flur, mit Hausarrest und sechs Wochen kein Fernsehen über die ganzen Sommerferien, mit gut zu reden und Versprechungen, was ich alles bekomme, wenn…, kein Taschengeld,wirklich alles.Nix. Es war nix zu wollen.

Ich kann nicht erklären, warum ich die alle nicht ernst genommen habe. Ich nehme die auch heute noch nicht ernst. Und als ich vor vielen Jahren mal meinen Mitschülern auf nem Klassentreffen begegnet bin, da war es immer noch da, dieses komische Gefühl und der bittere Geschmack im Mund und ernst nehmen mit ihren Berichten ihrer Großartigkeit konnte ich die wieder nicht. Ich war nur froh, das ich da weg war, das war alles so unwirklich.

Und auch heute ist es noch so: Dinge, die mich interessieren, die sind sofort im Kopf. Dinge, die ich langweilig finde, Ladies, mim Auswendiglernen hab ich ’s nicht so. Ich muss es verstehen. Dann ist gut. Aber mit „isso“ und ab in den Kopf, geht nicht.

Ich weiß nicht, wie Eure Schulzeit war. Aber ich weiß, dass es sinnlos ist, aus einem Menschen einen anderen machen zu wollen als der, der er ist. Und ich habe mir nie Gedanken gemacht, was aus meinen Kindern anderes wird als „Groß und glücklich.“. Vielleicht ist das auch der Fehler, aber ich habe  durch meine Schulerfahrung begriffen, das Kindheit und Schulzeit nicht so einen komischen Geschmack im Mund und ein seltsames Gefühl im Bauch haben müssen. Kindheit gibt es nur eine, Schulen ganz viele.

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15 Gedanken zu “Schule und Kinder

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