Über die Exclusivität der Trauer

In meinem Leben sind schon viele gegangen. Ganz viele. Klar erst die älteren, später auch Stefan, der mich komischerweise noch am Abend seines Todes angerufen hat und ich blöde Kuh habe erst am nächsten Tag zurück gerufen. Da ging klar niemand mehr dran.

Ich darf ja nicht weinen. Es ist ja nicht mein Vater. Und in den acht Jahren, da habe ich ja nicht viel mit ihm zu tun gehabt. Es spielt keine Rolle, das er eigentlich der Antrieb war, überhaupt zu den Schwiegerellis zu fahren. Weil er mir so viel Freude bereitete mit seiner bissigen Art, in der er lächelnd kleine Gemeinheiten verteilte.

Meine Hose mit den Löchern werde ich nicht reapieren. Es ist so eine, wie man sie heute kaufen kann für teuer Geld mit hinter die Löcher geklebten Flicken. Wann immer er sie gesehen hat, lächtelte er mir vertraulich zu und erklärte, er werde mir mal Geld geben, damit ich mir eine heile Hose kaufen könne. Es war klasse, wie er bissig meine Mutter, seine Frau, seinen Sohn und sogar mich selbst vorführte.

Als ich mit Mini schwanger war, wollte C. das erst gar nicht seinen Eltern erzählen. Und dann, nachdem ich ihm gesagt habe, das er das dann niemals tun dürfe, denn was würde das für sie bedeuten, erzählte er es ihnen doch. Und sein Vater sagte nur ganz trocken: „Ich wusste es.“ Und damit war es gut.

Er erwies mir die Ehre, in seinem hohen Alter in unser Haus zu kommen. Ich weiß nicht, ob das irgendjemand verstehen kann, es war für mich wirklich eine große Ehre, daß dieser Mann, der sonst kaum noch das Haus verließ, die Autofahrt auf sich nahm, um an unserem Tisch Kaffee zu trinken. Mit wem führ ich denn jetzt alle vor? Wer verteilt mit mir die kleinen gemeinen Wahrheiten?

Mini traute sich gerade am Ende nicht mehr zu ihm hin. Als er im Krankenhaus war, wollte er, das sie sich doch zu ihm aufs Krankenbett setze und sie traute sich nicht, sondern setzte sich auf meinen Schoß.

Als wir vor Wochen den ersten Alarm hatten, habe ich sie vorbereitet und sie weinte, sie wolle das nicht, das der Opa stirbt. Und als er gestorben ist, habe ich es ihr gesagt und habe mit ihr eine Kerze ins Fenster gestellt. Wir haben sie da hin gestellt, damit der Opa schneller unser Haus vom Himmel aus findet, weil er sie genauso vermißt wie sie ihn. Und ich habe ihr versprochen, das er wieder kommen wird, als Baby neu geboren und sie dann miteinander Zeit haben werden.

Als sie C. sagte, das sie ihre Opa vermisse, erklärter er sein Unverständnis, weil sie ja den Opa  nicht gemocht habe. Das schloß er daraus, weil sie sich ja nicht zu ihm gesetzt habe.

Wenn ich Mini ins Bett bringe, spricht sie mit mir über Opa. Er passe auf sie auf, sagt sie. Und ich bejahe das. Und sie fragt mich dann, ob die Kerze im Esszimmer noch leuchtet. Und ich verspreche ihr, gleich noch mal gucken zu gehen und, wenn nötig, eine neue anzumachen.

C. erklärte, das er das Gefühl habe, das die großen Kinder das gar nicht verstehen und sein Neffe, der im Haus lebt, auch weiter macht, wie bisher.

Kinder machen in solchen Situationen immer weiter wie bisher, wenn man ganz wenig Kopf für sie hat, bauen sie richtig Scheisse. Du hast keine Zeit, in einem Loch zu verschwinden. Und irgendwie retten sie einen damit.

C. spricht viel mit seiner Mutter, was in dieser Situation normal ist. Aber mich beschimpft er mittlerweile und will nur mit mir streiten.

Ich habe keine Ahnung, wie das ausgeht. Ich habe nicht mal eine Ahnung, ob wir zur Beerdigung kommen dürfen.

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6 Gedanken zu “Über die Exclusivität der Trauer

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