Minimi

Das ist ein schwieriges Thema.
C. hat da so eine Erwartungshaltung. Er macht mir ihr Sport, damit sie sich genug bewegt, sie bekommt musikalische Frühförderung und er ist mehr als enttäuscht, das sie immer noch nicht sauber ist und das sie immer noch nur bis fünf zählt und das sie im Moment keine großen Entwicklungen hat, stattdessen viele Unfälle in der letzten Zeit.
Anfangs fiel sie im neuen Haus oft die Treppen runter. Und ich fragte mich schon, ob sie nicht Treppen laufen kann. Unser sozialer Wohnungsbau war ebenerdig.
Dann saß ich auf der Terrasse und sie wollte eine Topfblume in den Garten stellen. Ich konnte sie durch die Fenster des Wintergartens  sehen, als sie die untere Treppe hoch gelaufen war. Sie wollte über mein kleines Kräuterbeet hochtsteigen und streckte urplötzlich das linke Bein völlig durch, so daß es im rechten Winkel zum rechten auf Höhe der Hüfte war und saß auf dem Hintern. Sie weinte und ich war nur froh, das sie nicht die Betontreppe runtergefallen war.
Ich habe mir angwöhnt, wenn wir im Gespräch sind und sie plötzlich so einen Anfall bekommt, bei dem sie schmatzt, lautiert und die Augen verdreht, das vorher gesagte einfach noch einmal im selben Tonfall zu wiederholen, weil sie einfach nicht mehr weiß, worüber wir gesprochen haben. Seit dem muss sie nicht mehr abrupt weglaufen, wenn sowas im Gespräch auftritt.
C. ist heute einfach nur sauer. Er macht sich Sorgen, wei Mini heute Kinderturnen hatte und dort einfach nicht mitmachen wollte. Er hat es dann wütend abgebrochen und war den ganzen restlichen Tag nicht mehr ansprechbar.
Ich habe mir gedacht: Okay. Sorgen machen wir uns beide, aber anbrüllen lassen muss ich micht nicht.
Ich habe den Kindern Pizza gemacht und meine Mini bekuschelt und sie darf auch immer auf der Gartenliege in meinem Wintergarten einschlafen und ich mache ihr den Elektropüsterich auch an, damit es ihr nicht zu kalt ist.
Irgendwann kam C.. Er setzte sich zu Mini und streichelt ihr den Kopf.
Da habe ich ihm gesagt, wie ich es sehe.
Wir haben am 10. September den Termin in beim Kinderneurologen. Es ist nicht zu ändern, das, was jetzt ist. Ich kann es nicht wegmachen, nicht wegzaubern, nicht wegbeten, gar nichts. Ich kann damit nur leben und ich kann dieses Kind stärken, in dem ich es liebe, diese kleine Mädchen, in dem ich es tröste und vorsichtig achte, das ihr möglichst wenig passiert.
Sie ist in der Badewanne gefallen und die Beule an der Stirn hat 14 Tage gebraucht, bis sie wieder weg war. Und Mini hat Glück gehabt, es hätte ganz böse sein können. Ich weiß, dass sie Spaß hat, wenn eins ihrer großen Geschwister mit ihr badet oder auch Mama, und es fällt ihr gar nicht auf, das viel weniger Platz in der Wanne zum Hampeln ist.
Und wenn sie nicht studieren können sollte, dann ist das so. Unsere Tagesmutter kennt eine junge Frau, die das auch hatte und damit Krankenschwester geworden ist und heute, die junge Frau ist 25 , da sind diese Anfälle weg.
C. bemängelt, das Minimi so sehr zickig ist. Und ich nerve ihn, wenn ich nur sage: Ach, C., die ist grad dreieinhalb. Die muss zicken, bocken, wütend brüllen. Das ist wichtig und sie macht es doch gut.
Und bei allem ist doch positiv zu werten, das man sie aus dem Anfall wecken kann, in dem man einen Topf samt Deckel fallen lässt. Die blöden Edelstahl-Töppe passen nur so sauschlecht in meine Hosentaschen!
Das Leben ist doch nicht rum, nur weil man sowas hat.  Es ist anders, aber nicht rum. Und es kann immer noch alles anders werden.
Und alle Komplikationen, die auftreten können, die gucke ich mir dann an, wenn sie auftreten. Vorher will ich nichts wissen.

Advertisements

3 Gedanken zu “Minimi

  1. Ich würde es genau so machen wie Du! Denke mal, Männer können mit bestimmten Situationen nicht so gut umgehen, z.B. wenn sie Angst haben oder sich Sorgen machen. Da muss man dann für sie noch mit stark sein. Viele haben später einen Beruf und sogar den Führerschein, also ist es gut, sich nicht allzu verrückt zu machen. Die Sorgen reichen schon. Hab sie weiterhin so lieb.
    LG

    Gefällt mir

  2. Das Einzige, was ich diesem Mädel geben kann in dieser Situation, ist Liebe. Und Fördern und Fordern, Aufpassen, ohne das sie es als Einschränkung empfindet. Ich habe ein regressives Kind über normale Schulen gebracht, ohne Medikamente und tausend Therapien, weil mir klar geworden ist, das M. so ist, wie er ist und das es meine Aufgabe ist, ihn „gesellschaftstauglich“ zu machen. Er ist, wie er ist, aber die Gesellschaft ist auch, wie sie ist. Und die Ideen der Lehrer, ihn in einer psychiatrischen Einrichtung unter zu bringen, habe ich einfach ausgeschlagen. Und jetzt? Einen Schulabschluß hat er, in der eigenen Wohnung lebt er, genauso chaotisch erfolgreichlos wie andere auch.

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s