Geburt und Tod

Wenn ein Kind unterwegs ist, gibt es zwei Fragen, die die Schwangere oft hört.

„Was wird es denn?“

„Ein Baby, hoffe ich.“

„Wie weit bist Du denn?“ oder auch „Wann ist es denn so weit?“ Womit das Wurfdatum erfragt wird, auch Entbindungstermin genannt.

Die Schwangerschaft schreitet fort mit Wiegen, Messen, Bilder-vom- Bauchinneren-machen und Dick-werden.

Dann rückt Tag X an. In allen möglichen Schwangerschaftsbegleitern in Schriftform wird diese Zeit in etwa so beschrieben:

Der Baumumfang nimmt zu, Alles wird Ihnen zur Last und dann kommt der Tag um den berechneten Termin…“ und zack, Wehen, und zack, da und noch mehr zack, glückliche Mutter. Und sie lebten glücklich bis an ihr Lebensende.

Jeder, der schon eine Schwangerschaft begleitet hat, und jede, die da durch ist, weiß, das es nur ganz selten so abläuft.

In der Regel gibt es Alarm, Alarm, laufende, anstrengende kleine und große Wehen, den Weg in Krankenhaus und wieder ab nach Hause und weiter Dick-Werden und Warten.

Solche Fehlalarme hatte ich mit Ausnahme des ersten Kindes bei jedem. Zweimal. Und irgendwann habe ich mit meiner Hebamme drüber gesprochen, weil sie ja immer ausrücken musste, um zu uns zu kommen. Allein werfe ich ja nun auch nicht. Und sie lächelte immer nur und sagte, das Kind teste, ob alles bereit sei. Und irgendwie machte das Kind ja auch, das alle bereit wurden. Und alle warteten.

Dann ist die Zeit: „Na, isses noch nicht da?“ Beliebte Frage am Gemüseregal im Supermarkt. Was eine Frage, Du schiebst den Megabauch, kriegst kaum Luft, und vor Dir steht jemand grinsend: „Na, isses noch nicht da?“ Na, wonach sieht das denn aus?

Aber egal. Die Ängste, die man vielleicht zu Beginn der Schwangerschaft hatte, ob man der Aufgabe gewachsen ist oder nicht, diese Ängste hat der Bauch erdrückt.

Die Warterei ist wie luftleerer Raum. Man bastelt, guckt fern, zockt, geht spazieren, macht seinen Haushalt und wartet auf die geplatzte Fruchtblase, die drei Minuten-Wehen. Und  jeden Morgen wacht frau auf und denkt: „Och, nicht noch so ein Tag!“ Und genau das ist die Zeit, in der die Geburt wirklich zu erwarten ist. Dann kommt der Schlaftag und erst danach geht es wirklich an.

Beim Sterben ist es irgendwie ähnlich. Wenn man dran denkt, dann denkt man an graue Haare, schlechtes Sehen, aber nicht an mögliche Komplikationen. Man glaubt, irgendwann, wenn man mit einer guten Tasse Tee vor dem Fernseher sitzt oder im Schlaf, wird der Stecker gezogen und zack, aus und vorbei ist es.

Aber auch so ist es nicht. Es gibt auch mehrere Anläufe.  Manchmal hat man Alarm mit Krankenwagen und Krankenhaus, manchmal bleibt der Mensch einige Tage oder Wochen dort, kommt wieder nach Hause  und das warten geht los. Wann ist der Tag X? Die Fragen am Gemüseregal sind klar anders: „Gibt es was Neues?“ oder „Wie geht es denn XY?“

Und in der Zeit des Wartens, da zockt man, geht spazieren, guckt fern, macht seinen Haushalt. Und wartet. Wir gehen heute spazieren, den Rest haben wir schon.

Man Schwangeren im Kreissaal oft: „Sie müssen loslassen und sich  öffnen.“ Was nichts anderes heißt, als machen Sie sich bereit, lassen Sie es zu, das es  passiert, alles andere wird zur Quälerei für Mutter, Kind und Hebamme.

Und auch ein Mensch, der nicht mehr leben möchte, den muss man in Liebe gehen lassen. Und das ist richtig schwer, finde ich.

Beides, Geburt und Tod sind nicht umkehrbar. Wenn doch also beides so ähnlich abläuft, wer kann dann behaupten, das der Sterbende für immer in der Unendlichkeit verloren ist? Das Ergebnis der Geburt für unser Hier und Jetzt kennen wir, das für den Tod für das Hier und Jetzt auch, es ist anders, der Mensch ist nicht mehr hier.

Mini weinte ganz bitterlich, sie will unbedingt mit Opa wenigstens noch mal telefonieren und will nicht, das er geht. Ich habe ihr von der Anderswelt erzählt und auch Groß E. hörte aufmerksam zu. In die Anderswelt gehen die Seelen, wenn der Körper nicht mehr kann. Dort sitzen schon viele, die sie kennen und sie sehen viele wieder. Sie bleiben eine Zeit dort. „Und irgendwann kommt der Tag, da guckst in die Augen eines Menschen, egal, ob Männlein oder Weiblein, und Du siehst ihn für einen kurzen Augenblick und er ist wieder da. Und er kann alles mit Dir leben, erleben, Dich lieben, alles das Tun, was ihr immer schon machen wolltet und wozu in diesem Leben keine Zeit war.“

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3 Gedanken zu “Geburt und Tod

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