Kinderneurologie

Ich bin stark. Ich bin groß, ich bin stark. Ich weiß ja, worum es geht. Jo. Das erzähl ich ab heute wem anders!
Vor der Fahrt mit Minimi zum Neurologen erstmal noch die Bescheinigung für Olaf abgeholt. Die Bescheinung sagt, das ich durchgehend zehn Jahre zwei Hunde hatte, den Landkreis davor wollte ich nicht auch noch aufsuchen, die eine reicht.
Und dann hier alle ins Auto.
C. fährt wie ne Sau, weil wir kommen zu spät, aber wir waren zu früh. Das EEG wurde gemacht und wir hinterher zum Doc rein. Ein netter Grauhaariger, mit offenem Blick.
Fassen wir es mal kurz zusammen.:Es durfte nur einer von uns mit zum EEG und ich bin raus zu groß E.. Und obwohl man weder die Schädel- noch die Bauchdecke meines Kindes geöffnet hat, waren es welche von den zwanzig Minuten, die in die Rubrik „Längste zwanzig Minuten des Lebens“ gehören. Dann, wie schon gesagt das Gespräch.
C. hatte rote Augen, und obwohl wir es wußten,  habe ich um Fassung gerungen und kurzfristig verloren. Es ist genetisch veranlagt, haben wir also eins A vererbt. 80 % der Kinder können geheilt werden, widerum 80% dieser Kinder bekommen im Erwachsenen-Alter Epilepsien, „die richtigen mit Zuckungen, die man so kennt“. C. fühlte sich offentsichtlich schuldig, weil er als Kind zwei Fieberkrämpfe gehabt hat und ich mich, weil ich den Mist rezessiv vererbt habe.
Wir sollte schätzen, wieviele dieser Anfälle Minimi habe in einer Stunde.
C. sagte, er meine, es wären drei.
Mir erschien das zu wenig und ich sagte, so zwischen fünf und zehn.
In den zwanzig Minuten des EEG´s hatte sie fünf, das macht alle vier Minuten einer. C. sagte später im Auto, ich solle mir das mal ausrechnen, was dass pro Tag sind. 360, wenn man von regelmässigen Anfällen ausgeht. Aber in der Situation habe ich die halbe Strecke gebraucht, bis mir überhaupt aufgegangen ist, wie man das rechnen könne und solle.
Doch zurück zum Arztgespräch.
Und C. wollte das nochmal mit den prozentualen Ergebnissen wissen und ich fragte mich, ob er jetzt im Kopf die Wahrscheinlichkeiten ausrechnet und selbst immer dachte, das eine Heilungschance von zehn Prozent bei Leukämie bei über 70jährigen als gering einzuschätzen ist, dann doch auch eine Wahrscheinlichkeit von zehn Prozent, das es nicht geheilt werden kann, auch gering sei. Und fragte mich immer, wie den 80% und 10%  einhundert Prozent ergeben können und es dauerte noch die ganze Rückfahrt und auch Stunden hier, bis mir auffiel, das ich dauernd prozentuale Ergebnisse  von verschiedenen Krankheiten durcheinander schmiß.
Und weil C. sich im Gespräch so festbiss in der Gruppe derer, die es nicht schaffen und der er den Arzt auch nach der Wahrscheinlichkeit fragte, in welche dieser Gruppen Minimi falle und der so zauberhaft sagte, das er das nicht sagen könne, weil wir hier von einem Menschen reden und da könne man keine mathematischen Beweise führen, sagte ich:
„Hör auf, C.. Wir setzen uns jetzt nicht mit dem Misslingen auseinander. Wenn die Medikamente nicht wirken und alles eintritt, was schiefgehen kann, DANN setzen wir uns damit auseinander. Denn dann ist es da und man hätte es sowieso nicht verhindern können.“
Ich war verwundert, das der Arzt mir zustimmte.
Wir haben dann ein Rezept bekommen für ein Medikament , das es nur in viertel-Liter-Flaschen gibt und einen neuen Termin in sechs Wochen.
Ich hätte C. so gerne geschüttelt. Wirklich gerne geschüttelt, weil ich an meine Arbeitskollegin dachte, deren Sohn Authist ist.
Und das bleibt immer so und er hat auf seine eigene Weise Lebensfreude. Und wenn es für ihn wichtig ist, seine Legos nach Farbe zu sortieren und er sich damit wohlfühlt, dann ist es doch gut und in Ordnung. Und nur weil C. oder ich da andere Prioritäten haben, hat weder der Sohn meiner Arbeitskollegin noch Mini weniger Lebensqualität.
Und wenn sie zwar diese kindlichen Absencen endlich los wird und dann doch zu den 20 % gehört, die diese „wie man sie kennt, mit Zuckungen und Hinfallen“-Epilepsie  bekommtn, dann heißt das doch nicht, das sie nicht auch noch irgendwo Freude erleben kann, Spaß haben kann im Leben….
Ich habe es C. nicht gesagt.  Mein fucking Daueroptimismus hatte mir in dieser Sache einen Strich durch die Rechnung gemacht. Auch wenn man sowas sieht, es einordnen kann, dann ist es was anderes, wenn es jemand amtlich macht.
Dieser Termin hier ist so quasi wie ein Blitzerfoto. Da kannste nix mehr verdrängen, wegschieben leugnen, vor Dich hin hoffen, das es nicht so ist, wie es aussieht. Ab jetzt haben die „kann“´s eine ganz andere Bedeutung.
Ich habe im Auto drüber nachgedacht. „Das kann sich verwachsen.“.
Toller Satz. Beinhaltet, das es sich auch nicht verwachsen kann, aber man nimmt den so gern als:
„Datt geht wech.“
Und wenn man dann begreift, wie man eigentlich zu hört….das man nur hört, was man hören möchte und damit dann mal endlich aufhört, dann hat man ´ne Grundlage, auf der man weitermachen kann.

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