Testlauf

Ommas Handy ist kaputt.  Irgendwie schalten sich wohl alle Apps permanent ab und es fordert eine Überprüfung.

Eine Überprüfung von was?

Vom Handy, so sagt jedenfalls unser Omma.

Heute morgen guckte ich wie immer drauf und es fehlte die Lebendkontrolle.

Die Lebenkontrolle ist eine What’s-App-Nachricht mit „Moin, moin, blablabla.Gute Wünsche.“

Seit die kommt, finde ich die schon pervers.

Ommas Blutwerte sind schlecht.  Schlechter als Anfang November und wenn die nächste Woche weiter so schlecht sind, dann bekommt sie erstmal Thrombozyten und danach Chemo.

Omma hatte mich zwischenzeitlich besucht, um mir zu erklären:

„Ich bin krank. Schwer krank. Das ist eine schwere Erkrankung….“

„Ja, Mama. Wir haben uns informiert.“

Seltsamerweise war sie in den letzten Wochen beweglicher als ich. Erst seit zwei Tagen fahre ich wieder Auto. Allerdings kann ich die Mädels noch nicht aus der Kita abholen, weil Selma gern mal weg läuft und ich mit Krücken nicht hinterher komme.

Aber Auto fahren – immerhin. Ich kann allein zur Krankengymnastik. Hachja. Muss nur einen Parkplatz finden, der breit genug ist für die Tür….egal.

Also Omma war beweglicher als ich und kam dann rum.

Nun fehlte heute die Nachricht.

Ich musste erstmal tief Luft holen.

Keine Nachricht.

Schlecht.

Was mache ich denn jetzt?

Noch nicht mal angezogen, nicht geduscht, mit Krücken und C., der seit gestern fiebert.

Naja, immerhin kann ich Auto fahren. Da kann ich ja rum fahren.

Keine Nachricht. Das ist schlecht.

Ich habe mir erst mal eine Zigarette gedreht und geraucht, während das Wasser für meinen Kaffee am Morgen kochen sollte.

Was wird mich da erwarten?

Liegt sie im Bett? Ist sie gefallen? Sitzt sie im Sessel? Hat sie geblutet oder ist sie eingeschlafen? Einfach so mal eben so….

Ich trinke jetzt erst einen Kaffee.

Was mache ich denn jetzt? Keine Nachricht. Schlecht.

Ich muss ja den Puls wenigstens fühlen, wenn sie da irgendwo liegt oder sitzt.

Und genau da merke ich: Ich kann das nicht.

Ich kann das einfach nicht.

Sollte ich C. doch lieber fragen, ob er nicht mit kann? Aber der hat Fieber, was für eine Quälerei.

Und einen der Jungs? Das sind Kinder. Ich weiß ja nicht, was mich da erwartet, wenn ich das schon nicht weiß….Ich kann das nicht.

Was mache ich denn jetzt?

Ich habe dann erstmal angerufen.

Nein, alles gut. Das Telefon ist kaputt.

Ich erkläre ihr, dass C. nicht kommen kann, weil er krank ist.

Was er denn hat, will sie wissen.

Fieber. Rückenschmerzen und Kopfweh.

„Aha.“

Dieses verhasste Aha, dass alles so nieder macht.

Nunja, zurück zum Telefon.

Ich sage ihr, dass ich gucke, noch morgens jemanden rumzuschicken. Aber selbst kann ich nicht.

Ich muss Kinder hüten und C. Von den Jungs ist noch keiner auf.

Ich schicke Groß E. zwei Hühner und Suppengemüse kaufen, immerhin hat die Brühe ja auch den Mädchen geholfen. Wird eigentlich noch Antibiotikum in der Hühnerzucht verwendet? Wenn ja, auch gut. In diesem Fall.

Letztendlich rufe ich sie mittags an, aber da ist sie schon nicht mehr da.

C. liegt und alles tut ihm weh.

Trotzdem teile ich mit den vier Großen auf, wie was gemacht wird, wer mit mir einkaufen fährt.

Kurz und gut: Omas Handy geht immer noch nicht. Und sie ist garantiert sauer.

Und ich weiß: Ich kann das nicht. Ich würde gern auf die Lebendkontrolle verzichten und den Rest an Pflegepersonal übergeben.

Ich möchte kein Pflegepersonal sein – ich kann das nicht.

 

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Game of Thrones

„Ich habe Tyrion getroffen. Er lässt Euch grüßen!“

„Wer ist das?“ Jeder der Jungs stellt mir diese Frage.

„Weiß ich doch nicht. Du magst doch Game of Thrones.“

 

Staffel Achthundertdrölf

Nein, soweit sind die wohl noch nicht.

C. ein Programmpaket bei Entertain dazu gebucht. Wir können zwar immer noch nicht alles gucken, aber so können wir wenigstens noch mehr nicht gucken, weil keine Zeit.

Jedenfalls lief auf einem dieser Sender Game of Thrones.

Ja, ich hatte das schon vor Ewigkeiten mal geguckt, als der eine so gefoltert wurde. Fand ich jetzt nicht so….sooo toll. Und zwischendrin noch mal eine Folge –  das Mädel mit den Drachen, jo. Aber dann war gut.

Nun hatte ich immer wieder von den Jungs hier gehört: Game of Thrones! Yeah. Super toll. Boah, schon Staffel so und so. Wollen wir das nicht zusammen gucken? Das war nun dauernd ihre Frage.

„Och nö. Das doch irgendwie doof….ist ja nur Rumfolterei und Weglauferei…“

„Ich habe Tyrion getroffen. Er lässt Euch grüßen!“

Dann kam ich zu C. ins Zimmer und es lief Game of Thrones.

„Was guckst du denn da?“ wollte ich wissen, weil ich mir nicht vorstellen konnte, dass er Game of Thrones guckt.

„Game of Thrones.“

„Und? Wie isses?“

„Du hast gesagt, dass das so brutal ist….“

„Ja, ich hab ja auch die Folge gesehen, wo der eine dem anderen den Penis abgeschnitten hat und dann vor ihm ein Schweinswürstchen gegessen hat.  Das abgeschnittene Ding hat er dessen Vater geschickt….“

„Ja, so brutal isses ja nicht!“

In dem Moment trennte jemand einem anderen das Gesicht vom Schädel und ich entschloß mich, das Zimmer zu verlassen.

Ihr wißt: Tyrion und so. Grüsse!

Nun kam es wie es kommen musste. Ich landete aus Gründen doch auf dem Game of Thrones-Dauersender und guckte zwei Folgen.

Nicht vergessen: Ich Tyrion. Ihr Grüße.

Also guckte ich was über Wechselgesichter und stellte mir hernach die Frage:

Wenn die also mit fremder Leute Gesichter in deren Körper rutschen kann, und dann fühlt, was die fühlen, woher weiß die dann, dass sie gar nicht sie ist.  Immerhin wissen das die anderen ja auch nicht, dass sie dann nicht sie ist…

Und die Unfruchtbare, die drei Drachen beherrschte und einen an vergammelte Tote verlor….

Wie gesagt: Tyrion. Getroffen. Lässt grüßen!

„Grüß ma zurück!“

Und wenn Du denkst, jetzt kommt nix mehr,

dann kommt ganz laut die nächste Katastrophe daher.

Zu viele Baustellen ich. Omma startet heute mit der neuen Chemo, die sie gesund macht, wie der Arzt sagt, wie sie sagt. Und nächste Woche auch noch mal und nach den 6 Stunden Infusion bringt sie das Taxi nach Hause zu ihrer Katze. Ob das so richtig ist?

Aber, wie unsere Hausärztin gesagt hat: Omma ist erwachsen und geschäftsfähig und wenn sie meint, das musso, dann musses so.

Angus. Angus ist mein Sohn. Einfach war der nie, aber wer hat uns schon versprochen, dass Kinder einfach sind.

Nun ist er sechszehn geworden und das letzte Jahr war eine einzige Katastrophe. Zum Schluß in drei Wochen drei Anzeigen wegen Körperverletzung und Samstagnacht haben dann Jugendamt, Polizei und ich den Jungen mit Hilfe des Arztes und des Ordnungsamtes in einer geschlossenen Abteilung der Kinder- und Jugendpsychiatrie untergebracht. Diagnose: dissoziale Persönlichkeitsfehlentwicklung.

Freitag wird er entlassen. Man kann mit ihm nicht arbeiten, weil ihm die Einsicht fehlt, wie sie sagen. Er soll in eine Jugendhilfemaßnahme. Wenn er aber nicht will, dann wird die nicht statt finden.

Japp, will er nicht. Ist typisch für die Diagnose. Und die Ärzte sagen: Wenn er nicht will, will er nicht.

Ein Fall für die Forensic.

Ja, die Anlage war da. Ich habe zehn Jahre erleben dürfen, wie sich so jemand verhält, nämlich sein Vater. Und …

Gestern, nach der Punktion des Knies, holten C. und ich die Mädels von der Schule ab. Nein, ich fahre selbst immer noch kein Auto.

Also wir holten die Mädels ab und da stand auf einer Ecke ein Grüppchen Schüler, die lachten, freundlich redeten und sich dann winkend trennten. Und ich dachte: „Genau sowas wünscht man sich doch für seine Kinder, oder?“

Patty und Selma. Sie sind mittlerweile wunderbare Kinder, die wissen, was sie wollen. Am Anfang sprach Patty kein Wort und alle dachten: „Oh mein Gott, die muss getestet werden, da stimmt was nicht!“

Und jetzt spricht sie. Nicht ganz fehlerfrei, aber jetzt nichts, was nicht mit Logopädie auszugleichen wäre.

C. : „Selma, sag noch mal den Satz, den Patty im Theaterstück sagen sollte!“

Selma: „Ich wünsche Dir Handstand.“

Ich:“ Handstand?“

Selma: „Ja.“

C. : „Patty kann eh kein „H“. Da kommt der Satz schon richtig raus.“

Im Kindergarten hatten sie nämlich ein Märchen aufgeführt.

Patty ist drei und braucht noch Windeln rund um die Uhr. ABER:

Selma, Patty und ich sitzen im Auto.

Selma fragt mich nach den Wochentagen.

Selma: „Welcher Tag ist heute?“

Ich: „Dienstag, Süße.“

Selma: „Und welcher Tag ist morgen?“

Ich : „Mittwoch. Morgen ist Mittwoch.“

Selma: „Und wie heißt der Tag nach Mittwoch?“

Noch bevor ich antworten kann, ertönt hinten aus dem Kindersitz Pattys Stimme: „Donnerstag.“

Und Patty  ist drei.

Ich lache viel mit ihnen.  Manchmal üben sie Brote machen. Da kommt es ihnen in den Kopf und sie fragen mich:

„Oma, kann ich mir ein Brot machen?“

„Klar. Mach. Und sag Bescheid, wenn Du Hilfe brauchst.“

Das wird nicht gern gesehen, von meinen dicken großen Mädchen.

„Ooooooh, wie die Küche dann aussieht?!“

„Genauso wie sie aussah, als Du angefangen hast, die Brote zu machen!“

 

Howdy Frau,

Habt ihr auch so eine wordpress.com, allerdings mit einer anderen Email-Adresse dahinter, also auch so eine seltsame Nachricht bekommen, in der ihr auf einen Link klicken sollt, um die die neuen Features, die im Januar dazu kommen, zu sehen?

Ich habe mal nicht geklickt, liebe

<privacypolicyupdates@automattic.com>.

Ich lasse mich gern überraschen und warte somit auf den Januar.

20.November

Am 20. November wurde mein rechtes Knie operiert. Danach folgte eine der schlimmsten Wochen meines Lebens. Donnerstag war das Knie unbeweglich und mehr als viermal so dick wie das andere. Ich dachte, nie wieder darauf laufen zu können. Am Sonntag drauf war aus dem Kribbeln im rechten Bein eine akkerate Durchblutungsstörung geworden, die ich mit passiver Bewegung und  Wärme bekämpfte. Aber immerhin war das plötzlich auftretende Frieren der ersten Woche weg.

Also seit zwei Wochen sitze ich. Mir tut der Hintern weh. Weil ich mich hinten nicht sehen kann, fürchte ich, wie die meisten Mütter in der Grundschule von hinten aus zu sehen.

C. glaubt mir nicht, dass alles im Fernsehen dauerhaft wiederholt wird, aber jemand, der wie ich nichts machen kann, der weiß das. Vom Schlafen hält der Schmerz im Knie nämlich auch ab.

Ich bin langsam geworden. Wenn ich eine Stunde auf Krücken unterwegs bin, brauche ich eine Pause und zwar für den Rest des Tages. Und meine gewachsene Wechseljahrswampe ist furchtbar.

Vielleicht kann ich in zwei Wochen wieder Auto fahren.

Es ist eine bitterböse Erfahrung, vieles nicht zu können. Immerhin habe ich mir Umhebestrategien zugelegt, um zum Beispiel die Milch vom Kühlschrank ins Esszimmer zu bekommen oder meinen Kaffee aus der Küche in die Raucherecke. ABER: Einfach ist das nicht, auf einem Bein stehend, auf eine Krücke gestützt, den Pott Kaffee herum zu heben. Um das Kleckern gering zu halten, mache ich zwei Tassen halb voll.

Mein Leben ist nicht nur durch die fehlende Arbeit eingeschränkt, sondern tatsächlich hauptsächlich auf das Haus begrenzt.

Ich kann nicht abwaschen, weil es mit dem Stehen nicht so lange klappt.

Körperhygiene. Ja, darüber spricht man nicht. Aber dennoch: Unsere Duschwanne ist eine richtige Badewanne.  Allerdings erspart mir das den Stuhl zum Duschen. Statt dessen setze ich mich mit meinem dicken Hintern auf die vordere Ecke, auf der ein Handtuch liegt und hebe das kaputte Bein über den Rand, während ich den Hintern drehe. Dann kann ich mit Hilfe des linken Beines das kaputte relativ schmerzfrei rein rutschen lassen in die Wanne und mich ordentlich, wenn auch sitzend, abduschen.

Toilette, Treppen, alles ein Problem. Ja, ich bin schon schneller als noch in der Woche davor, aber die Zeit ist endlos lang. Endlos.

Ich kann nicht mit Einkaufen,  nicht nur, weil ich nicht mal in der Lage bin, einen Einkaufswagen zu schieben. Der Rucksack hilft im Haus, aber größere Wege sind nicht drin.

Geduld soll ich haben.

Staubsaugen geht nicht. Wischen geht nicht. Mit dem Hund raus geht nicht. Einen Liter Milch aus dem Keller holen geht nur mit Rucksack und wie es immer so ist, wenn man unten ist, ist das Ding oben, der Rucksack.

Auf einem Bein stehend kann ich zumindest die Waschmaschine und den Trockner bedienen. Aber nicht jeden Tag, es ist tatsächlich Tagesform abhängig.

Wenn ich rauskomme, lande ich bei der Krankengymnastik oder beim Arzt.

Letzten Freitag sind endlich die Fäden rausgekommen. Und ich dachte: Jetzt wird es besser. Jetzt kommen die Pflaster ab und dieses klebend-ziehende Gefühl bei der Bewegung wird aufhören. Pustekuchen. Ist im Knie. Doof.

Jedenfalls fühlte ich mit fit und wollte unbedingt mit in die Grundschule von Mini, weil dort die Elternvertreter einen Adventsmarkt machten. Ich wollte Mini eine Freude machen.

Es war furchtbar. Es gab nichts zu sitzen, als wir in die Turnhalle zur Aufführung kamen. Aber immerhin saß dort noch abseits eine Frau auf ihrem Rollator, um den ich sie beneidete. C. suchte uns eine Ecke, aus der heraus wir Mini bei ihrem Singe-Auftritt sehen konnten.

Und dann kamen die Eltern. Sie rempelten mich an, schubsten, traten fast auf Patty und Selma und das alles nur, um Fotos zu machen oder den ganzen Auftritt als Video auf dem Handy haben wollten.

Aus der Turnhalle raus hoch in die Klassen, das war kein einfacher weg. Offensichtlich ist man zu breit für die Treppen, wenn man Krücken hat und der Anblick eines Krückies wi ich es bin, scheint die entgegenkommenden Menschen erstmal direkt auf mich zu laufen zu lassen, scheinbar in der Hoffnung, ich würde ausweichen, was ich allerdings nicht kann. Wußtet ihr, das die Stufen in einer Grundschule flacher zu sein scheinen als normale Stufen? Ich habe es so gedacht, weil ich die Krücken nicht so hoch heben musste und es viel mehr Stufen für die gleiche Strecke waren als bei uns. Und wir haben so den mitteldeutschen Durchschnitt an Stufenhöhe. Einmal war der Druck von hinten so groß, dass ich fast nach vorne gefallen bin auf der letzten Stufe vor dem neuen Stockwerk oben.

Vom Sitzen tut der Hintern weh, vom Laufen und Stehen. das Knie, vom Liegen der Rücken. Eine echte Lektion für micht.

Scheiß bleibt Scheiß, auch wenn man Konfetti drauf schüttet. (frei nach Perle aus dem Pott)

Recht hat sie.

„Bleib stark, Safa!“ sagte meine Tante Gabi, als sie und mein Onkel meine Mutter im Krankenhaus besuchten. Einmal.

Bleib stark. Ja, was denn sonst?

Und ich sitze seit Tagen hier und kann mit der Situation nichts, aber auch wirklich nichts anfangen.

Ich habe gegoogelt und bloß einen Betrag zur Sterbebegleitung gefunden. Einen, zumindest, also einen, mit dem ich was anfangen konnte.

Wie unterstützt man denn jemanden, der stirbt?  Langsam vor sich, also nix mit Stecker raus und Licht aus.

Bleib stark. – Ehrliche Antwort?

Fick Dich!

Die Situation ist völlig neu für mich, ich komme mir vor, als wäre ich in einem Urwald ausgesetzt worden, es ist dunkel, ich habe meine Brille verloren, habe eine Nagelschere dabei und soll den Weg finden. Und Du, meine liebe Tante, arbeitest in einem Altenheim und sagst mir nix außer „Bleib stark.“?

Ich gestehe, am ersten Abend, als ich auf den Befund im Krankenhaus wartete, da war mir nach einem Schnaps. Nicht etwa, weil ich ihn mag, sondern weil…mir war da nach. Das ist so eine anerzogene Situation. Erstmal nen Schnaps.

Ich trinke nicht, nehme keine Drogen, auch keine bewußtseinsverändernden Präparate der Schulmedizin, denn wenn etwas Scheiße ist, dann bleibt es Scheiße, egal, was ich mir einwerfe. Also habe ich nicht getrunken und auch nicht das wohlwollende Angebot der Schwester in der Notaufnahme, ich solle nur sagen, wenn ich was brauche, man habe da,  genutzt. Ja, ich hab geheult. Ich heule viel. Wenn ich wütend bin, zum Beispiel, traurig oder aber richtig geschockt. Und wenn ich heule, dann macht das immer allen Angst. Und wenn ich geschockt bin, also nach Auto-Unfällen, Meldungen über Einlieferungen ins Krankenhaus meiner Liebsten, dann muss ich mich bewegen. Mag seltsam anmuten, wenn dann heulend ein-Meter-achtundsiebzig Kreise auf Fluren dreht. Aber es macht mir den Kopp frei und ich kann Informationen aufnehmen.

Laufen muss ich übrigens auch, wenn mir was weh tut. Nach meinem Sturz auf den Kopp im Krankenhaus zum Beispiel. Hat auch wieder die Schwestern verwirrt.

„Alles in Ordnung?“

„Jupp. Nur Aua.“  Wahrscheinlich robbe ich, wenn das Knie gemacht wird, aber wir werden sehen.

Aber zurück zu dem Bericht, den ich gefunden habe. Einen, in dem ich nicht aufgefordert wurde, irgendeinen Kurs zu machen und so und so viel Gebühren zu bezahlen.

Von drei Phasen war die Rede.

Verleugnen, Wut und Zorn und am Ende Akzeptanz.

Die Familie solle zusammen halten und jeder solle bei der Bewältigung dieser Phasen dem Sterbenden wohlwollend zu Seite stehen.

Seit dem weiß ich, dass ich doch einen Zweitnamen habe.

Jeder.

Manchmal habe ich schon vor der Leukämie gesagt, ich sollte mir vielleicht so eine alterstypische Sache zu legen. So einen Schrank voll mit Medikamenten. Hormone, irgendwas für den Magen, irgendwas zum Schlafen ( Wenn ich nicht schlafe, bleib ich halt auf. Irgendwann haut es mich schon um.), und irgendwas zum Aufwachen. Zum Kaffee morgens, den ich dann aber vielleicht lieber in entkoffeiniert trinke. Oder Rotwein. Da ist ja nix bei, wenn man jeden Abend eine, eher zwei oder drei Flaschen davon leert. Zwischendrin gehe ich dann mal in eine Psychiatrie und mache noch mal eben eine Kur und eine Reha. Und zack, ist das Jahr um. Gelöst ist trotzdem nix. Ich denke immer, ich würde dann ernster genommen.

Aber: Es ist mir zu anstrengend. Ehrlich. Das Rumgesitze bei Ärzten. Bunte Pillenpackungen in sanften Gelb mit Lila-Schmetterling drauf…Hat mir wirklich mal eine Ärztin verschrieben. War irgendwas Anti-Depressives, nachdem ich tatsächlich über eine Woche nur noch eine Stunde Schlaf fand. Hab ich nicht genommen. Fand sie nicht so doll. Dafür blieb ich zuhause und sortierte mein Leben neu. Also, es ist anstrengend, dieses da Rumgesitze. Ja, es ist schon lustig, wenn ich mich zwar nicht in meiner Nachbarschaft auskenne, aber dafür voll informiert bin über die, in der die beiden Frauen gegenüber im Wartezimmer wohnen…Also nö.

Omma befindet sich in der Phase „Leugnen“ in ihrem Prozess. Ich bin schon eher bei Wut und Zorn.

Omma war gestern wieder zum Blutbild und das war schlecht. Vorgestern blutete sie schon wieder im Mund. Habe ich gesehen, als sie mich angelächelt hat. Und gestern nun bekam sie wieder zweimal Thromobozyten.

Ja, habe ich gelesen. Das macht man bei dieser Krankheit so lange, bis der Patient keine Lust mehr hat. Die Dinger sind eh übermorgen wieder weg. Das ist wie Wasser in ein Sieb schütten. Wir auch irgendwie nicht voll.

Das Schlimme an der Geschichte ist das Leugnen. Meine Mutter, die jeden Sonntag Gottesdienst mit nimmt, auch wenn sie immer wirkt, wie wenn sie den Kinderglauben nicht verlassen hat. Komm‘ , Herr Jesu‘, sei unser Gast und segne, was Du uns bescheret hast. Jeden Mittag durfte ich das Sätzlein sagen als Kind. Mein Nachtgebet habe ich aber im Laufe der Jahre vergessen. Gott und ich, das war eh nie so. Der konnte mich noch nie leiden, das jedenfalls wußte ich schon als Kind. Immerhin habe ich nächtelang in meinem Bett gelegen und ihn angefleht, er möge machen, dass ich aufhöre zu atmen und nicht mehr da bin. Und als er mich wirklich nicht erhörte und ich habe das lange gebetet, habe ich es mit Luft anhalten probiert. Das war so etwa in der zweiten Klasse der Grundschule. Und wenn man dann morgens wieder aufwacht, fühlt man sich wie ein echter Versager, ich sag’s euch.

Nunja. Egal. Omma hat Angst und leugnet. Sie erklärt mir allen Ernstes, dass die CLL ja erst jetzt festgestellt worden sei, was nun tatsächlich nicht stimmt, denn die wurde schon 2013 festgestellt. Aber da war sich Omma sicher: Keine Behandlung, ich bin alt.

Aha.

Und das Bluten im Mund kommt von der Chemo.

„Mama, die Chemo ist schon zehn Tage her.“

„Doch, das kommt von der Chemo, ich habe mit anderen Mitpatienten gesprochen. Außerdem habe ich aus der Nase und den Ohren geblutet.“

Ich weiß, dass sie durchaus auch aus den Augen bluten kann, eigentlich überall raus, bei dieser CLL.

Ich frage mich, ob sie überhaupt noch alleine zuhause bleiben kann. Warum der soziale Dienst nicht eingeschaltet ist.  Meine Vermutung ist, dass sie wieder überall gesagt hat:

„Das macht meine Familie.“ Und dabei hat sie verschwiegen, dass sie nur ein Stück Familie hat, das tatsächlich macht.

Aber wie trage ich sie über das Leugnen?

Wie bringe ich sie durch die Phase der Wut und des Zorns?

Wie halte ich sie, wenn die Akzeptanz kommt?

Was wird das für eine Quälerei werden, wenn die nicht kommt.

Und was finde ich dazu? Nix. Machen Sie einen Kurs. Aha.

Und was finde ich dazu im Netz? Nichts wirklich.

Mal ein Arzt, der das Maul aufmacht, bitte. Der klare Worte findet und nicht rumdruckst und rumdruckst mit vielleicht, ggf ., evtl.. Alle von denen haben schon Onkologie-Erfahrung, aber wenn ich fragen komme, dann…jaaaaaa, kann ich nicht sagen,  daß weiß man nicht….Welche Unterstützung braucht Omma außer Wäsche, Mittagessen und Flurwoche? Kann sie wirklich in diesem Stadium der Krankheit noch alleine zuhause sein?

Aus lauter Verzweiflung habe ich schon die Telefonseelsorge angerufen. Die haben klar auch keine Antworten. Und am Ende der Satz „Passen Sie gut auf sich auf!“ .

Den habe ich vor Jahrzehnten immer am Ende meiner Bügelaktionen im Fernsehen gehört. Da gab es diese Sendung mit dem Pfarrer, der auch immer sagte: „Passen Sie gut auf sich auf.“ Rausgeflogen ist der, nachdem er Menschen, die arbeitslos geworden waren und darunter litten, den Rat mit gab „Wenn Sie keine Arbeit haben, dann schaffen Sie sich welche.“. Also Rausgeflogen bei mir.

Passen Sie gut auf sich auf.

Ein wohlwollender Rat, sicherlich auch wichtig und vor allem oft ganz liebevoll.  Ich mach das schon. Ich fall ‚ nicht um und halte es mit dem Drögeschen Prinzip.

Dr. Dröge war Zahnarzt und Naturheilkundler in Seesen und der sagte mir, daß man eh immer nur das Päckchen zu tragen bekommt, das man auch tragen kann. Also werde ich das schon wuppen, irgendwie. Aber es wäre ein schön, wenn jemand in diesem Urwald mal das Licht an macht, mir meine Brille wieder gibt und mir den Weg weist.  Das wäre echt klasse.

 

 

 

Keine gute Zeit.

Keine gute Zeit.

Am 30. Oktober wäre unser Omma fast gestorben. Sie kam als Notfall ins Krankenhaus. Und wurde mit Blut und Thrombozyten infusioniert, infundiert oder wie auch immer man das Blutkonserven kriegen nennt.

Keine gute Zeit.

Am 31. Oktober teilte mir der Vater meiner Enkelchen/Pflegetöchter mit, dass ich ihn um zehn aus der Liebenburger Psychiatrie holen und um zwei zurück bringen könne. Er wolle Omma sehen.

Ich holte ihn und erkannte ihn nicht wieder. Nein, ich habe nicht zugehört, warum er jetzt wieder dort war und wieso er die Jacke meines jüngeren Sohnes an hatte, die ich dem doch erst eine Woche zuvor gekauft hatte.

„Gib sie ihm zurück und zwar flott.“

Wir fuhren bei der Bank rum und ich holte Geld für Kuchen. Wir wollten mit Omma Kaffee und so im Krankenhaus und wollten ihre Katze reinschmuggeln.

Der junge Vater stellte fest, dass sein Konto leer geräumt war und damit nahm das nächste Drama seinen Lauf. Er hatte im Suff seine Bankkarte und seinen pin an seinen Bruder mit den Worten “ Kannste haben, heb alles ab. Ich brauche es eh nicht mehr!“ gegeben.

Keine gute Zeit, denn er kam abends, klingelt und prügelte sich mit dem Sohn, den er die Karte und den Pin gegeben hatte, in meinem Hausflur.

Eine Dose Pfefferspray und fünf Polizisten sorgten für Ruhe.

Keine gute Zeit.

Omma bekommt Chemo und Thrombozyten und arbeitet bei Regen im Garten.

Der 75. Geburtstag fand im Krankenhaus statt. Aus der Küche bekam sie einen Butterkeks zum Frühstück. Aber immerhin hat ihr der behandelnde Arzt gratuliert.

Mein Geburtstag ein paar Tage vorher fand auch im Krankenhaus statt, wenig zuhause und auf der Arbeit. Im Krankenhaus deshalb, weil ich gut zweieinhalb Stunden auf die Visite wartete, um genau zu erfahren, was da nun passiert.

Omma hat CLL und ist mit der Blastenkrise eingeliefert worden. Sie ist 75 Jahre und macht nun ein halbes Jahr Chemo.

Sie erklärte mir, sie werde eine Pflegestufe beantragen und ich solle sie pflegen. Das Geld bekäme ich.

„Nein.“

„Mama, ich kann für dich einkaufen, die Wäsche machen, die Flurwoche und wegen mir die Wohnung putzen, aber mehr ist nicht drin.“

Ich müsste sonst meine eigene Familie verlassen und das will ich nicht.

„Kann jemand von Euch mit einkaufen fahren?“

„Nein, Mama. Wir haben darüber gesprochen. Mach eine Liste, wir bringen das mit.“

Nächster Tag dasselbe Gespräch wieder und wieder und wieder…

Keine gute Zeit.

Am 20. November wird mein Knie aufgemacht. Es ist eher wahrscheinlich, dass ich nicht mehr als Cleanschlampe arbeiten kann. Ich weiß gar nicht, was ich sonst machen soll….

Keine gute Zeit.

 

Update

Der Oktober war nicht meins. Nicht unsers.

Ohne zu übertreiben kann ich erklären:

Ich bin auf den Kopf gefallen.

Tatsächlich, wirklich und wahrlich.

Hatte ich doch einen Hundepsychiologin beschäftigt, die mir eindringlich erklärt hatte, ich müsse Olaf nehmen wir er ist. Und zu den Grundprinzipien gehörte auch, dass, so Olaf auf mein Rufen nicht zu mir kam, aber wenigstens den Kopf zu mir bewegte, dass dann sein Weiterlaufen allein in freier Wildbahn eben in jenem Moment die Belohnung sei…

Da Olaf immer an der Leine zerrte und mir jeden  Spaziergang versaute,  er auf Geräusche reagierte, zur Seite aus zu weichen suchte, aus diesem Grund kaufte ich eine Flexi-Leine.

Und das wurde mir zum Verhängnis. Er funktionierte ganz gut und Spaziergänge machten wieder Spaß. Die Gier, mit dem Hund einfach wieder draußen zu sein, bei Regen, Sonnenschein und wildem Wetter….ich sah mich am Ziel.

Bis Mittags am 5. Oktober. Da sprang aus einem Garten dem Olaf direkt vor die Nase und sein Vier-Rad-Antrieb setzte sofort ein, die Leine spannte und als ich auf dem Teer auf meinem rechten Arm liegend den Zustand zur Kenntnis nahm, da stellte ich fest:

„Du kriegst nicht richtig Luft. Scheiße.“ Und dann dachte ich an den Hund, der mit der Flexi am Halsband irgendwo herum lief….ich kam nicht so schnell hoch, aber ich hatte langsam wieder Luft und rief nach Hilfe.

Beim Aufrappeln waren sie da, die Bauarbeiter, die auch den Hund einfingen.

Ergebnis: Ein Tag im Kranknhaus, zwei  Zentimeter Platzwunde an der Stirn, eine eklig dicke Hand, die auch jetzt noch Theater macht, auch wenn  sie nicht mehr dick ist. Alles so gezerrt und geprellt, dass ich eine Woche nicht mal ohne Schmerzen Schlucken konnte, aber nichts gebrochen. Immerhin, oder?

Donnerstag die Woche drauf, ich war krank geschrieben, aßen die kleinen Mädchen des hiesigen Hauses zu abend. Lachten und freuten sich, kasperten. Ich ging in die Küche und es tat einen Schlag.

„Blöde Katze!“ dachte ich. „Das dumme Tier hat wieder was runter gerissen! Aber ich räume das später auf!“

Es war nicht die Katze, es war Selma. Sie hatte gekippelt und war nach hinten übergekippt und hatte mit dem Kopf die Heizung getroffen. Zwei Zentimeter Loch im Kopp. Ab zum Nähen ins Krankenhaus.

Donnerstag. Mist -Tag. An einem Donnerstag war meine Kollegin mit einem entzündeten Blinddarm im selben Krankenhaus operiert worden, am Donnerstag ich geklebt und geröngt,  und Omma hatte just an diesem Tag ihr Auto auf der Tankstelle kaputt gefahren, am Donnerstag drauf Selma….Freunde, wehe! WEHE!

Der nächste Donnerstag verlief ruhig. Der darauffolgende auch.