Emm hat kein Handy

Emm ist 14.  Sie kam am Mittwoch Abend eine dreiviertel Stunde zu spät. Das wird eigentlich nur mit Ausgangssperre geahndet. Allerdings kam sie mit einer Geschichte, die er klärte, warum ihr Handy nicht mehr erreichbar war.

Wir saßen am Tisch. Mal, mein erwachsener Sohn, der Tatortreiniger werden will, D. , mein erwachsener Sohn, der jetzt endlich den Schulabschluß macht, und Mini.

D. wirft sein Handy auf den Tisch. „Ich schlag sie.“

Er springt auf.

„Nein, tust du nicht. Was ist denn passiert?“ will ich wissen.

„Nichts. Sie hat nur was gemacht, was sie nicht machen soll.“

Bei so was werde ich immer hellhörig. Ich weise darauf hin, dass er lediglich der Bruder und nicht erziehungsberechtigt ist und will wissen, was da los ist. Das ist äußerst schwer, weil irgendwie eine Hirnschaltung in den Köpfen erwachsener Brüder falsch abbiegt, wenn es um kleine Schwestern geht.

Emm kommt nach Hause.

Also, das Handy sei kaputt.

Aha.

Die Mutter ihrer Freundin Lina habe sich abends zur Arbeit fertig gemacht ( halb acht, kann nur Thekenschlampe sein), habe sich also zur Arbeit fertig gemacht. Emm sei vorher im Bad gewesen und habe das Handy dort auf dem Waschbecken vergessen.

Tja, und Linas Mutter habe es im Waschbecken versehentlich versenkt.

Okay.

Und dann habe die Mutter versucht, es trocken zu föhnen und deshalb sei Emm zu spät.

Okay.

Ich nahm das Handy an mich, weil eh kaputt und Emm wurde fast hysterisch.

Ich packte das Handy in Reis und Emm forderte es ein und jammerte wie ein kleines Kind.

„Emm, was willst Du? Es ist kaputt.“

Hysterisch jammernd macht sie sich auf den Weg in ihr Zimmer. Vor ihrer Zimmertür begegnet sie D., der sie Hure nennt und noch irgendwas in anderer Sprache, sehr wohlklingend, aber sicherlich ähnlichen Inhalts.

Man sollte in anderen Sprachen beschimpfen. Manches klingt so sehr freundlich und ist es doch gar nicht.

Nunja.

Emm kommt wieder runter gerauscht.

Sie habe nicht mit Stefan geknutscht, sondern mit Damian. Stefan sei Linas Freund.

Ich verstehe die Aufregung nicht.

D. will Stefan schlagen. Emm will das nicht.

Die Wollnys sind gegen uns eine Shakespeare-Aufführung im Staatstheater….

Wer ist denn nun wieder Damian und wer Stefan? Und was haben die Illuminaten damit zu tun?

Ich also zu Emm….sie heult, das Telefon verschwindet unter dem Bett, brav eingelegt in Reis.

Emm erklärt mir unter Tränen, sie habe gelogen.

Tja. Doof.

Es stellt sich heraus, daß Stefan Angus in der Klinik angerufen hatte, um ihn zu fragen, ob Stefan was mit Emm machen darf. Angus sagte ja, wenn keine Drogen und kein Alkohol im Spiel seien…

Idiot. Ein Nein hätte längst ausgereicht.

Tag zwei ohne Handy bricht an.

Emm denkt über Suizid nach, was mir natürlich ob des Aufstandes und der Psychiatrie in Hildesheim in die Hände spielen würde.

Tag drei ohne Handy.

Ich hole Emm von der Schule ab,  sie erklärt, sie könne keine Hausaufgaben machen, weil sie kein Handy habe.

Das Betteln um das Mobilfunkgerät geht in Schreien und Wüten über. Sie holt sogar im Auto zum Schlag aus, unklar bleibt, ob sie den Airbag auslösen wollte oder ihre Mutter , also mich  schlagen wollte.

Zur Sicherheit aller im Haus lebenden entschließen C. und ich uns zur Substitution, in dem wir die Sim-Karte aus dem Gerät entfernen und sie somit nur noch im heimischen Netz „Insta“ nutzen kann. Bei Übergabe beruhigt sie sich wie ein Kleinkind, das endlich seinen Nuckel bekommt.

Dann kommt Tag 7.

Emm bittet mich, sie zu einer Freundin nach Olhof zu fahren. Mache ich auch.

Zweieinhalb Stunden später werde ich informiert, mit genauer Ortsangabe, das Emm gar nicht in Olhof ist, sondern mit der Stefan, der ja jetzt nicht mehr dealt am Bahnhof.

Ich hole sie ab. Ihr Handy landet hinter meinem Sofa, was sie jedoch nicht weiß. Das ist jetzt zwei Wochen her, der kalte Entzug ist fast abgeschlossen, die Ghetto-Queen mit Handy ist eine Jugendliche geworden, die lächelt, offen ist, auch mal zickt, aber ….

Sie ist einfach wieder da.

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