Wahltag

Ich bin eingefleischter Nichtwähler. Doch nach allen Ereignissen der letzten Tage, Wochen, Monate und Jahre, da saßen C. und ich zusammen und stellten fest: Auch ich muss wählen gehen.

C . wählt jedesmal ordnungsgemäß per Briefwahl, damit sich jeder, den es hier im Haushalt interessiert, sich schon mal einen Überblick über den Wahlzettel verschaffen kann.

C. und ich sprachen also über die Wahl.

„Ja, aber was soll man denn wählen? Was soll ICH wählen?“ wollte ich wissen. Ich, der unpolitischste Mensch auf weiter Flur. Wie oder was oder, besser, wen sollte ich wählen?

Auch C. wußte nicht, was er wählen sollte. Nur zwei Dinge waren sicher:

AfD schon mal auf gar keinen Fall. Nicht nur wegen der Petry.  Und esoterischen Kram mit ’nem lila Schmetterling und der Forderung, die Raumenergie zu erschließen und zu nutzen, sowas nun mal auch nicht. Und weiter rechts  von der AfD auch nicht.

FDP, so sagte C., so habe sein Vater immer gesagt, das sei nur was für Reiche und Unternehmer. Hatten meine Eltern auch immer gesagt, also…FDP war damit raus.

Ich brachte einen Flyer der Deutschen Mitte ( DM) mit, obwohl ich schon den Namen , nunja, also so meins isses nich….Wir haben das gelesen, was die da machen wollen, aber schon einmal lesen, kurz besprechen auf dem Weg zum Wochenend-Einkauf im Auto  zum Kaufland, also knappe 5 Minuten, reichten, um zu sagen: Datt isses nich‘!

Und so saßen C. und ich da und wußten nicht, was wir wählen wollten. C. , ganz Informatiker, machte das Internet auf, als es den Wohlomaten noch nicht gab, und fand etwas Vergleichbares, allerdings wurde man in diesem Wahlomaten zu schon getroffenen Gesetzesentscheidungen befragt und wir machten das beide und es kam raus:

Links.

„C., ich bin doch nicht links!!“ Empörung pur.

„Nach dem Ding bin ich zu 54 Prozent auch links.“

Ich guckte an C. rauf und runter.

„Du und links! Das ich nicht lache….wieviel links bin ich denn?“

„71 Prozent.“

Aha.

„Und was machen wir jetzt?“

„Wir wählen das.“

Aha.

Ich mag überhaupt nix wählen. Gar nichts. Ich bin da noch nie gewesen und will da auch nicht hin.

Die Wochen liefen ins Land und C. probierte den Wahlomat, den richtigen, der ihm sagte, er solle CDU wählen.

„Und machste das?“

„Näh!“ Sowohl Links als auch CDU, das war irgendwie….nun ja.

Wenn wir gemeinsam im Auto saßen, sprachen wir über die Wahlplakete und deren Inhalt.

„C., guck mal, das sind doch nur Phrasen. Es ist Zeit….“ Ich zeigte auf ein großes Schulz-Plakat. „Für was isses denn Zeit? Für Mittag? Abendbrot? Drunter steht klein „für soziale Gerechtigkeit“. Dass gibt es doch gar nicht.“

Der Lindner wirkte auf mich wie das männliche Pondont eines Viktoria -Secret-Modells.

Und C. und ich freuten uns ungemein, daß sich irgendwer unserer erbarmt hatte, und alle NPD-Plakate auf dem Weg zu den Schulen von Laternen gekloppt hatte.

Luther würde NPD wählen, stand da. Luther ist tot, Hitler ist tot, die NPD leider noch nicht, aber die Dummen sterben ja eh nicht aus. Und als jemand, der aus einer Familie von Generationen Lutheraner stammt, Freunde, da mochte ich das überhaupt nicht, was die NPD da behauptete. Habe ich mich jedesmal drüber aufgeregt.

Im Fernsehen sah ich nicht nur dauernd irgendwelche Diskussionen von Politikern, Satirikern, Werbespots von Parteien, sondern ich sah den EINEN Werbespot.

Da waren Leute, die sagten, sie wollten, das alle ein Dach über dem Kopf haben, in unserem Land, das Kinder nicht mehr in Armut aufwachsen sollten, in unserem Land, das alte Leute nicht mehr in Armut leben sollen sollten, in unserem Land….und noch einiges mehr, was ich auch gut fand für unser Land. Ja, auch Integration oder wie auch immer, ich mag’s bunt.

Und ich dachte mir: „Datt isse, die kann ich wählen!!“ Erleichterung pur und Erwartung des Namens der Partei dieses Werbespots….und dann kam nur „Geh wählen!“. Nein, ich habe im Wahllokal nicht gefragt, wo denn die „Geh wählen“-Partei auf dem Wahlzettel zu finden ist, aber es wäre ein schöner Name für eine neue Partei, die vielleicht genau all diese Punkte mal in ihr Wahlprogramm aufnimmt.

 

C. Briefwahlzettel verschwand von der Magnet-Wand.

Der Wahlsonntag kam.  Die Kinder hatten gefrühstückt. Die Küche war aufgeräumt, die Waschmaschine lief, die Übernachtungskinder wurden abgeholt.

Ich machte das, wie ich das als Kind von meiner Mutter gesehen hatte. Nicht ganz so. Das Sonntagskleid hielt ich für overdressed und ein Gesicht aufgemalt habe ich mir auch nicht, aber ich habe gründlich geduscht und mir ebenso gründlich die Zähne geputzt.

Am Vorabend hatte ich schon die Wahlbenachrichtigung raus gesucht und kontrolliert, das mein Ausweis auch noch gültig war. Man wollte ja nicht doof da stehen.

Auf der Wahlbenachrichtigung stand, dass ich zur Feuerwehr nach schräg gegenüber musste, meinte ich, aber als ich die Hausnummer der Straße las, habe ich doch lieber das Navi eingeschaltet und standesgemäß das Auto genommen, obwohl in Olhof alle zu Fuß da hin sind. Aber ich bin ja nicht Olhof.

Im Wahllokal bekam ich meinen Zettel und nahm eine der beiden Wahlkabinen.

Ich guckte mir den Zettel an und fand die Linke nicht. Panik.  Ruhig bleiben. Einfach ruhig bleiben. Die muss doch da irgendwo sein. Aber Hauptsache die blöde AfD ist da drauf…..Ich habe sie dann doch gefunden und mein Kreuzchen gemacht.

Zweit-Stimme???? Panik brach aus und ich war versucht, mein Handy rauszuholen, um C. zu fragen, was ich denn mit der zweiten Stimme machen sollte. Ich hab‘ da einfach  noch mal dasselbe angekreuzt. Ich kenn die doch alle gar nicht.

Dann wußte ich nicht, wie man den Wahlzettel ordentlich zusammen faltet, habe das aber einfach auf Brief-Umschlagsgröße gemacht, mittig noch mal gefaltet und, bevor ich das Papier in die Urne geworfen habe, habe ich noch mal gefragt, ob das da rein muss. War aber richtig.

Für das erste Mal wählen fand ich mich gut. Aber jeden Tag möchte ich das nicht machen.

Und seit ich den Zettel da reingeworfen habe, da würde ich gerne noch mal fragen, ob ich noch mal auf meinen Zettel gucken kann, ob ich das auch alles richtig gemacht hab.

Maaaaaaan.

Und dann kam 18 Uhr und kurz drauf die ersten Prognosen. C. und Mal zockten und ich lief dauernd rüber, völlig schockiert, dass die AfD mit der Petry Frauke und deren Ferdinand jetzt im Bundestag sind.

„Die haben 87 Sitze!!!“

„Was??“ C. redet sonst nie mit mir , wenn er zockt.

„Die AfD hat 87 Sitze im Bundestag !“ Und C. unterbrach und wir sahen und hörten den Schulz im Fernsehen sprechen und sind der SPD echt dankbar, dass sie die Opposition wählen.

Mir ist immer noch schlecht ob dieses Ergebnisses, aber C. sagte, das Schwarz-Gelb-Grün, dass das keine so einfache Sache sei, das der Schulz das gut gemacht hat, weil damit nicht mehr die AfD die stärkste Oppositionspartei sei und somit auch keine Ämter bekomme, und das die Verhandlungen bei Schwarz-Gelb-Grün wohl bis nach Weihnachten gehen werden und er so denke, dass man ja nicht wisse, ob die das vier Jahre lang durchhalten….

 

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13 Gedanken zu “Wahltag

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