8ter Mai

Am achten Mai haben wir das Enkelkind beerdigt. Schöne Beerdigung. Das hört sich an, wie wenn man jedes Wochenende so ein Event würde haben wollen.  Mini war auch mit. Irgendwann setzte sie sich, während der Pastor sprach, zwischen C. und mich. Und ich ärgerte mich, das der Pastor, den unser Omma namentlich begrüßt hatte, einfach nur ein Standardprogramm runter betete. Die typischen Bibelstellen, aber vielleicht ist das so, wenn man viele Jahre im Amt ist.

Die Urne fand ihren Platz unter dem Sternenkinderbaum. Das Besondere am Friedwald ist, das so frühe Kinder dort einen kostenlosen Ort bekommen. Omma hat mir erzählt, das die Frau, die das Ganze in Schwung gebracht hat,  einen ähnlichen Fall in ihrem nahen Freundeskreis hatte und weil eben junge Familien nicht über große finanzielle Mittel verfügen, deshalb bekommen Kinder bis drei Jahre dort einen kostenlosen Platz.

Wir standen also um ein Loch mit Thuja drum rum, die kleine Urne war darin verschwunden, der Pastor sprach wieder Serienworte. Die Mutter der verwaisten Mutter weinte bitterlich wie die Mutter selbst und C. wurde von der Schwester der verwaisten Mutter schräg angeguckt, als er seinen Arm um mich legte. Mini spielte mit einem Stock und nach dem die verwaisten Eltern an die Seite getreten waren und einige andere vor der Urne hockten, wollte Mini auch hin und deckte Johann mit Rosenblättern zu, die in einem Eimerchen vor dem kleinen Loch standen.

Und wir standen da und ich dachte, das er jetzt eins ist. Das dieser Wald vor uns da war und nach uns da sein wird, und das er jetzt zum großen Ganzen gehört, darin aufgehen wird….Der Gedanke erschreckte so sehr, das ich ihn beiseite schob. Für solche Erkenntnisse nehmen andere Menschen Drogen, machen esoterische Kurse und Reisen und ich stehe auf einer Beerdigung und denke über die Zersetzung der Kinderurne nach.

Mini musste noch mal hin, kniete sich neben das Loch, guckte rein und wischte dann die Rosenblätter, die noch auf dem Rand lagen, auch hinein. Ich holte sie fort und erklärte ihr, das Johann jetzt dort schläft, bis in alle Ewigkeit und bis zum Anbeginn der Zeit.

Im Auto wollte Mini wissen, wann er denn wieder aufwacht der Johann und ich sagte ihr, sie solle auf das nächste Jahr warten. Dann sei er wieder da. Ich habe ihr nicht gesagt, das ich  hoffe, das die verwaisten Eltern dann den ersehnten Nachwuchs in Händen halten können.

Und ich weiß nicht warum, aber auf einmal ist alles anders. Das ganze Leben ist anders, fühlt sich anders an. Ich habe die Arbeit im Wirtschaftsausschuß der Firma aufgegeben.  Vielleicht sind einfach auch nur wir anders. Ich weiß es nich.
Zuhause ist auch anders.

Am Tag nach der Beerdigung war unser Omma bei uns. A. hatte einen Tag  vor der Beerdigung  Geburtstag. Wir saßen da, ich war nach der Beerdigung noch in die Firma zum Arbeiten gefahren, hatte nachts noch die Torte angefangen…wir saßen da , sprachen über den Rabharber, der dieses Jahr nix wird, über Strickmuster und Rezepte und saßen fünf Stunden zusammen im Esszimmer. Sie erzählte vom Chor, von ihren Nachbarn, die ihr das Leben zur Hölle machen. Ja, weiß ich, war schon vorher klar, das das wieder so enden würde, aber auch das ist egal.

Ich erzählte ihr von meinen Nachbarn, die der Meinung waren, unser Draußenkater würde nicht gefüttert und fütterten ihn.  Als sie mich ansprachen, sagte ich ihnen, das ich mir schon gedacht habe, das er ne Mitfreßgelegenheit hat. Aber ich nicht gedacht hätte, das man glauben würde, er würde nicht versorgt. Er ist uralt und sprakelig dünn. 
Und nun frißte er wieder sein Lidl-Futter namens  Suffle mit Rebhuhn und noch irgendwas Teurem, nur nicht in Rind, seine fünf Kartons voller kleiner Schachteln in voll Edel-Design pro Woche….
Vor Idioten ist man nie gefeit.

Das Leben geht weiter….einfach immer nur weiter. Ich weiß, das die Mutter erwartete, das die Welt stehen bleibt. Das erwarten wir bei solchen Katastrophen immer. Immer wieder und wieder geht unbarmherzig die Sonne auf und einer neuer Tag beginnt.
Ich habe den beiden verwaisten Eltern gesagt, das das Einzige, was hilft, das Zurück ins Leben ist. Ab in die Normalität, ab in die Arbeit, zwischen die Wäsche und das Essen kochen.
Wie sagte meine Uroma immer: “ Es muss doch weiter gehen!“ Die hat zwei Kriege überlebt und den Kaiser in Berlin gesehen, als der durch die Stadt geritten ist.
Ja, es muss weiter gehen.
Und sie sagte meiner Mutter nach dem Suizid meines Vater, sie solle die blöden Tabletten weglassen, statt dessen lieber arbeiten, wenn sie nicht schlafen kann. „Nu, was soll es denn werden?“ Das wollte sie von meiner Mutter wissen, die ihr erst gar nicht hatte erzählen wollen, wie es zum Tod meines Vaters kam.
In jungen Jahren war ich ihnen böse, weil es schwer ist, ins Leben zurück zu finden. Heute weiß ich, das sie mir damit mein Leben gerettet haben.
Ich habe viel böse Worte geerntet, als ich meinem Sohn sagte, sie sollten wieder los. Ganz viele böse Worte. Aber letztendlich sind sie wieder los.  Es ist doch das Einzige, was wirklich hilft.

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4 Gedanken zu “8ter Mai

  1. Trauriger Anlass.
    Aber es ist gut, dass es den Friedwald gibt und noch besser, dass es für Sternenkinder kostenlos ist.

    Nach der Trauerzeit geht es irgendwann erschreckend normal weiter, finde ich.

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  2. Ich bin nicht besonders gut im trösten und Mitgefühl zeigen, aber ich fühle wirklich mit Dir und Deiner Familie. Ich habe es selbst in meiner Familie erlebt, finde aber, dass Du und Deine Familie etwas sehr Anrührendes aus der Beisetzung gemacht haben. Es fühlt sich so richtig an. Damals war es leider anders.
    Es wird wirklich irgendwann ganz normal weitergehen, aber der Tod eines Kindes bleibt immer in der Erinnerung.
    Drück Dich!
    Ganz liebe Grüsse
    Monika.

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