Wegebau – Brief an den Papst

Lieber Herr Eure Heiligkeit,

ob ich nun direkt schreibe oder hier, beides dasselbe , es wird Sie wohl kaum erreichen. Aber: Es muss mal gesagt sein.
Eure Heiligkeit, vor einigen Jahren hat die Frau SafaSadjida, die hier sitzt, auch einen Euro-Job gehabt und der Vater der Kinder hatte zumindest einen Mini-Job,da kam mein ältester Sohn aus der Schule und sagte:
„Mama, ich bin was Besonderes.“ Ich sagte: „Ich weiß, aber wieso denkst du das so und jetzt?“
„Weil meine Eltern beide arbeiten, Mama.“
„Ja, aber das ist doch nix Richtiges, Deine Mutter putzt bei der Tafel und Dein  Vater hat nen Minijob auffem Bau.“
„Das macht nix, Mama, meine Eltern arbeiten beide und damit bin ich was Besonderes in meiner Klasse, ich bin der Einzige.“
Ich konnte das gar nicht glauben, Eure Heiligkeit.
Aber es gab meinem kleinen Euro-Job noch mehr Gewicht und spornte mich noch mehr an, nicht im Hartz4 bleiben zu wollen.

Nun wohne ich hier, in einem alten Kloster. Und dieses alte Gemäuer macht jeden Tag Mut, denn wenn man bedenkt, aus welcher Zeit es stammt. Das es hier nur errichtet wurde, weil die Bürger das Vorgängerkloster geschliffen haben, als die Stadt angegriffen wurde, damit die Feinde sich nicht in den Kirchen vor der Stadtmauer verstecken konnten und das Vorgängerkloster zu diesen zu schleifenden auch  gehörte ….In meiner Vorstellung haben die Jungs, die im Kloster lebten, noch kräftig beim Schleifen ihres Klosters mitgeholfen, weil es wichtig war, die Stadt und deren Bürger zu retten. Und hinther haben sie es mit Sicherheit größer und schöner auf dem Grundstück des dazugehörenden Vorwerks, das bis dato das Kloster mit Lebensmitteln versorgt hat, aufgebaut. Mit diesem „Püh! Guckt her, ihr Angreiferlein! Unser altes Kloster und unsere alte Kirche sind zwar kaputt und ihr geschlagen, aber wir können noch eins drauf setzen.“

Eure Heiligkeit, als ich herzog, da waren die Mauern bewachsen mit Efeu und man baute mühselig von Hand in ausgekofferten Wegen, die von einem Diplom-Studenten in seiner Diplomarbeit angelegt worden waren, Wege. Schon das war eine wirkliche Knochenarbeit.
Dann kam der Wechsel, die Euro-Stellen wurden gestrichen, auch Sid, der Straßenbauer musste zurück in die Arbeitslosigkeit.
Die neue Truppe kam und ich konnte beobachten, wie die letzten Wegstücke von Hand ausgekoffert wurden. Mit einem Spaten und einer Schubkarre. Eure Heiligkeit…..selbst Frau SafaSadjidas Mutter ist sprachlos ob dieser Angelgenheit. Da mussten die Menschen den schweren Boden, der seit Jahrzehnten weder gefplügt noch bepflanzt worden ist, von Hand abstechen, auf die Schubkarre verfrachten und auf den Kompost schaffen.
Von der letzten verwaisten vorgestochenen Stelle, Eure Heiligkeit, da habe ich ein Bild gemacht. Das glaubt doch sonst niemand.
wegebau
Leider kann man es nicht sehr gut erkennen, aber dort sind ziegelgroße Stücke schon ordentlich abgestochen und warten darauf, heraus genommen zu werden.
Nun ist schon ein Stück von den Arbeiter hier von Hand gemacht worden und war mit zwei Hütchen abgesichert. Leider ist wohl dennoch ein Auto reingefahren. Wir haben den Bordstein dort liegenlassen wie er legt, aber die Hütchen  auf das nachrutschende Pflaster drauf gestellt.

WegebauWegUnfallkante

Wie ich darauf komme, das dort ein Auto abgerutscht ist? Weil rechts neben der Unfallstelle im Gras ein Wagenheber lag und ich mir schon gedacht habe, das es nur eine Frage der Zeit ist, bis dort jemand reinfährt.
Auch dieses Stück Weg haben die Euro-Jobber von Hand ausgekoffert.

Eure Heiligkeit, es sind so viele Menschen in Eurer Gemeinde hier, auch viele die Firmen haben und da ist keiner bereit, vllt auch mal an einem Samstag einem Arbeiter ein paar Überstunden zu finanzieren, damti er mit einem Bagger kommt und die restlichen Wegstrecken nach der Planänderung auskoffert? Haben die denn die guten Zeiten vergessen, in denen sie mit Euch Geschäfte gemacht haben, gute Geschäfte?
War es nicht so, das Jesus sagte, was man dem Geringsten unter uns tut, das habe man ihm getan? Mir ist schon klar, das das in einem Wirtschaftsunternehmen Kirche nicht geht, aber meinen Sie, dass die Kirche so viel Erfolg gehabt hätte, wenn sie von je her die Geringsten so behandelt hätte?
Früher gab es Essen und Obdach für die Vorbeikommenden. Nicht Luxeriös für 189.- Euro pro Nacht und Person. Und das soll jetzt ausgeglichen werden mit Streuobst -Wiesen hier? Gut für den Naturschutz und aufgesammelt für die Tafel.

Eure Heiligkeit, Euch und uns allen ist hier ein wirkliches Kleinod hinterlassen worden von den Generationen vor Euch und Euren Brüdern und Schwestern. Und wenn man die Kirche sieht, die längst nicht mehr besichtigt werden kann, dann erkennt man, mit welchem Mut die Menschen der Generationen vor uns  gelebt und gearbeitet haben, wieviel Kraft ihnen der Glauben gegeben hat, weil sie in  den glänzenden Säulen und den bunten Altären steckt, in einer Zeit, in der sonst alles grau in grau war. Man spürt es am Klang der einzigartigen Orgel, die hier steht, deren Töne durch den Kreuzgang schwingen und fordern, sich heimlich vor den Teil der Kirche in den Gang zu setzen und zu zu hören, denn rein darf man ja nicht. Nur zu Konzerten, hoch offiziell.
Seit ich hier wohne, haben so viele Menschen bei mir geklingelt, die früher schon hier waren und ihr Seelenheil hier gesucht haben. Und gern, bevor sie ganz gehen, noch einmal hier eine Kerze angezündet hätten. Sie kennen diese letzten Wege, auf denen man die wichtigen Lebensstationen besucht, bevor man die letzte Reise antritt.
Aber niemand bekommt Einlass in die Kirche.
Selbstredend, finde ich.
Ich weiß, das ich mich in die Nessel gesetzt habe, aber da werde ich ja nicht lange sitzen, die Familien mit den Kindern müssen hier raus.

Viele Grüsse und nix für ungut,
Frau SafaSadjida

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